Vom Kommunistischen Glaubensbekenntnis zum Kommunistischen Manifest

Von Fritz J. Raddatz

Es war ein Abend im Hause Marx, wo man sich zur Verabredung eines gemeinsamen Aktionsplans versammelt hatte und wo der hübsche blonde Weitling mit dem stutzerhaft geschnittenen Röckchen und dem koketten Bärtchen zum Erstaunen des russischen Gastes eher einem commis voyageur ähnelte als dem finsteren Arbeiterführer, den er erwartet hatte. Marx hielt seinen Löwenkopf, über Papier und Bleistift gebeugt, während Engels vornehm und ernsthaft die Sitzung eröffnete:

„Engels, hatte seine Rede noch nicht beendet, als Marx den Kopf hob und sich direkt an Weitling mit der Frage wandte: ‚Sagen Sie uns doch, Weitling, der Sie mit Ihren kommunistischen Predigten in Deutschland so viel Lärm gemacht und der Sie so viele Arbeiter gewonnen haben, die dadurch Arbeit und Brot verloren, mit welchen Gründen rechtfertigen Sie Ihre revolutionäre und soziale Tätigkeit, und worauf denken Sie dieselbe in Zukunft zu gründen?‘“

Rote stieg in den bleichen Wangen Weitlings auf, und seine Sprache wurde lebhaft und frei. Mit vor Erregung zitternder Stimme begann er zu beweisen ... daß er, Weitling, sich den heutigen Angriffen gegenüber mit der Erinnerung an jene Hunderte von Briefen und Erklärungen der Dankbarkeit tröste, die er aus allen Teilen seines Vaterlandes erhalten habe, und daß vielleicht seine bescheidene Vorbereitungsarbeit wichtiger für die gemeinsame Sache sei als die Kritik und die Kabinettsanalysen von Lehren, die von der leidenden Welt und den Drangsalen des Volkes weit entfernt seien. Bei den letzten Worten schlug Marx, nun vollends wütend geworden, mit der Faust so heftig auf den Tisch, daß die Lampe darauf klirrte und ins Schwanken geriet, und aufspringend rief er: „Niemals noch hat die Unwissenheit jemandem genützt!“

Proletarische Gelehrten-Arroganz?

Derlei Auftritte wurden in Paris und London einigermaßen skeptisch vermerkt. Weitling hatte bis hin zu seiner anspruchslosen Lebensweise – „ein Stück Brett als Schreibtisch, und mitunter eine Tasse schwarzen Kaffees“ – internationale Verehrer. Er hatte soeben noch gemeinsam mit Marx und Engels das „Zirkular gegen Kriege“ unterschrieben, jenes Dokument vom 17. Mai 1846, das sich gegen die „Verwandlung des Kommunismus in Liebesduselei“ wandte und des „wahren Sozialisten“ Hermann Kriege, Herausgeber des New Yorker deutschen Blattes „Der Volks-Tribun“, „kindisch-pomphafte, phantastische Gemütsschwärmerei“ offiziös verurteilte. So sehr berechtigt – und amüsant – sich die spöttische Aufzählung der 35 Kriegeschen Liebesarten und die Abwehr seiner „metaphysischen Fanfaronaden“ liest, so mißtrauisch wurde man doch in den anderen Gruppen gegen den Ex-cathedra-Ton; nun war es wieder Weitling, der in Ungnade fiel. Das Londoner „kommunistische Korrespondenzbüro“, das sich unter Schappers und Molls Leitung aus dem „Bund der Gerechten“ entwickelt hatte, beargwöhnte, „daß Ihr (im) Sinne hättet, eine Art Gelehrten-Aristokratie zu gründen und das Volk von Eurem neuen Göttersitz herab zu regieren“. Und einen Monat später heißt es noch energischer: „... Ihr Brüsseler Proletarier besitzt diese verdammte Gelehrten-Arroganz noch in einem hohen Grade; das zeigt Euer Auftreten gegen Kriege...“