Therese Giehse ist am Montag, 76 Jahre alt, in München gestorben. „Das deutsche Theater hat seine größte...“, müßte man jetzt wohl sagen, fiele einem dazu nicht gleich Therese Giehses Gesicht ein, ihr unendliches Desinteresse an Festreden, an feierlich aufgeblasenen Sätzen.

In den Münchner Kammerspielen, bei einer Probenpause, habe ich miterlebt, wie sie von einem Begräbnis erzählte: mit übermütigem Spott und heiterer Trauer über die schreckliche Unzulänglichkeit jeder Totenfeier. Nun wird sie also selber begraben – eine Veranstaltung, über die sie sich bestimmt sehr amüsieren würde.

Vor zwei Wochen hatte sie ihren letzten großen Auftritt. Im Fernsehen spielte sie „Weitere Aussichten“, ein Monodrama, das Franz Xaver Kroetz für sie geschrieben hatte. Sie spielte eine alte Frau, die ihre Sachen packt für den letzten Umzug – ins Altersheim. Und sie sagte in dieser Rolle einen der großartigen Kroetz- und Giehse-Sätze: „Gejammert wird nicht!“

Dies ist ein Satz, der ihre Art zu leben und ihre Art Theater zu spielen exakt beschreibt: Sie erlaubte sich, auch als sie älter wurde, kein Selbstmitleid und keine Phrasen; und Altersweisheit war bestimmt das letzte, wonach sie sich sehnte. Sie lebte gern und dachte präzise.

Das Altwerden war bei Therese Giehse kein schrecklicher Vorgang – sie, die ein ziemlich unansehnliches junges Mädchen mit roten Haaren gewesen ist, wurde im Alter eine sehr schöne Frau. Sie wurde nicht nur schöner, sondern auch freundlicher, menschenfreundlicher – statt der Horrorweiber, an denen sie früher ihren bösen Spaß hatte (an Dürrenmatts „Alter Dame“, an der buckligen Irrenärztin in den „Physikern“), spielte sie nun zuversichtliche Rollen; Frauen, die zur Vernunft erwachen: O’Caseys Juno, Brechts Mutter.

Als ich zum letztenmal mit ihr redete; im Flugzeug von Hamburg nach München, sprach sie von ihrer Zuneigung zu Peter Stein und der Schaubühne, schimpfte milde über das „Gesindel“, das an den meisten Theatern sitze. Und sagte heiter: „Ich bin froh, daß ich schon so alt bin.“ Einem Buch, das zu ihrem 75. Geburtstag erschien, gab sie selbst den Titel: „Ich hab nichts zum sagen.“ Das war eine ihrer grandiosen Untertreibungen. Sie hatte was zum sagen. Sie war ein Grund, das Theater zu lieben.Benjamin Henrichs