Saigons Stundenglas

Ob Phnom Penh heute fällt oder morgen, bestimmen nicht mehr die Amerikaner. Die Stadt liegt im Todeskampf. Die Zeche für die politischen Fehleinschätzungen Washingtons, die mit der Invasion in Kambodscha vor fünf Jahren begannen, hat nun die Bevölkerung zu zahlen.

Der Faktor Zeit zählt nicht mehr. Schon in Paris vor zwei Jahren mußten die Amerikaner ihre Unterschrift unter einen Friedensvertrag setzen, der keiner war. Aber immer noch glaubt Henry Kissinger einem Phantom nachjagen zu müssen: auf Biegen und Brechen will er aus einer Position der Stärke verhandeln.

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Wird das Schicksal Kambodschas nun der Regierung in Washington die Augen öffnen, daß dies in Südostasien nicht möglich ist, auch in Vietnam nicht? Gewiß, Thieu ist nicht Lon Nol und die südvietnamesische Armee nicht mit dem demoralisierten letzten Aufgebot im Nachbarland zu vergleichen. Aber wer mag noch ausschließen, daß die neue Offensive der Kommunisten der Anfang vom Ende des Thieu-Regimes ist. Vielleicht wurde Saigons Stundenglas zum letztenmal umgedreht.

Hanois Aufmarschrampe geht nun quer durch Südvietnam nach Saigon. Die neue Taktik haben die Kommunisten in Kambodscha vorexerziert: Nicht die offene Entscheidungsschlacht suchen sie, sie nehmen die Hauptstädte in den Würgegriff, bis die letzten Gefolgsleute die Regierenden im Stich lassen, bis das Regime kollabiert.

Halbherzige Militärhilfe vermag den Kollaps nicht aufzuhalten. Sie ersetzt auch nicht eine mangelhafte Südostasienpolitik. Eine Rückkehr Henry Kissingers zu seinen alten Prinzipien, zur Realpolitik, würde jetzt mehr nützen als Bomben – Südvietnam und auch der Glaubwürdigkeit Amerikas. Vy.

 
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