Von Volker Kriege!

Volker Kriegel, zuletzt bekannt geworden mit seiner Gruppe „Spectrum“, ist Gitarrist

Man kann der Meinung sein, Dixieland sei nichts anderes als die akustische Kulisse stärkeren Bierkonsums; man kann die zickige Fröhlichkeit, die kleinkarierten Witzchen, diesen ganzen krampfigen Humor peinlich oder ärgerlich finden; man kann die ausgeleierten Klischees von „lustig“ und „traurig“, die ewig gleichen Phrasen fad und langweilig finden; man kann sich an den Kopf fassen über die stupide Naivität, mit der manche Sänger immer noch den heiseren Gesang Louis Armstrongs nachmachen, ohne eine Sekunde darüber nachzudenken, daß sie damit nicht nur eine miese Karikatur von Vitalität und Originalität abgeben, sondern – unbewußt natürlich – obendrein ein Schlimmes Onkel-Tom-Image verewigen, ein Bild vom Neger, das der gesellschaftlichen Situation von heute grotesk widerspricht. All das wird natürlich den kernigen Dixie-Fan kaum irritieren. Im übrigen, wird er sagen, soll man das alles nicht so ernst nehmen, es geht darum, seinen Spaß zu haben und sonst gar nichts.

Die jungen Neger in Amerika übrigens ignorieren, wie es scheint, diesen Jazz. Es gibt so gut wie keine Oldtime-Formation, die aus jungen Negern besteht. Das spricht weder gegen noch für diese Musik; trotzdem ist bemerkenswert, daß die amerikanischen Neger ihre Identität zwar in allen möglichen aktuellen Formen von Jazz- und Rock- und Popmusik finden, nicht aber im konservativen Oldtime-Jazz, der in keiner Note mehr heutiges Lebensgefühl oder gar Freiheitsbedürfnisse vermittelt.

Ganz so ausschließlich lustig und problemlos ist die Sache mit dem Dixieland-Boom also nicht. Dixieland, Oldtime-Jazz überhaupt, war Anfang bis Mitte der sechziger Jahre im wesentlichen die Musik/der Oberklassenjugend, von Oberschülern also und Studenten. In der aufkommenden Beat- und Rockmusik haben dagegen eher die Lehrlinge und die jungen Arbeiter sich selbst und ihre Bedürfnisse wiedergefunden. Diese schichtenbezogene Polarität hat sich mittlerweile etwas verwischt. Nicht nur, daß der Dixieland heute auch die Musik mittlerer und besserer Angestellter ist, sondern daß sich inzwischen auch viele Schüler und Studenten eher der Rockmusik oder aktuellen Jazzformen verbunden fühlen als vor zehn Jahren. Es fällt auf, daß die zunehmende Beliebtheit des Oldtime-Jazz zusammenfällt mit einer zunehmenden Entpolitisierung des öffentlichen und des privaten Lebens.

Ich möchte die These riskieren, daß Dixieland heute im wesentlichen die Musik der Unpolitischen ist. Das gilt nicht nur für die Konsumenten, sondern auch für die Musiker selbst, Amateure meist, für die das Musikmachen in erster Linie Ausgleich ist für den Streß des Arbeitsalltags. Die ästhetische Entsprechung liegt in dem zum Ritual gemachten Zwang zur immer gleichen Stimmungsmache, wie er in der engen Welt der musikalischen – Phrasen im Dixieland zum Ausdruck kommt.

Damit wären wir bei der Musik selbst. Auch sie Will ja quasi unpolitisch sein, unhistorisch in dem Sinne, daß die Summe ihrer ästhetischen Ausdrucksmittel, ihre „Sprache“, an einen längst geschichtlichen Augenblick fixiert ist. Langsam sterben diejenigen Musiker aus, für die der alte Jazz adäquater Ausdruck ihrer Biographie und ihres Lebensgefühls war. Der allergrößte Teil des heute erfolgreichen Dixieland ist Imitation, und, wenn ein junger Dixielandmusiker meint, er spiele kreativ, dann betrügt er sich selber. Qualität liegt hier in der Güte des Plagiats: Wer am besten kopiert, hat gewonnen. Dementsprechend mutlos und imitatorisch klingen denn auch die genormten Oldtime-Improvisationen heutzutage.