Von Reinhard Baumann

Hamburg

Ein bißchen Pfadfindermentalität gemischt mit sozialistischen Weltjugendfestspielen.“ So urteilte vor gut einem Jahr Wilhelm Rahlfs, einer der verdrängten Hamburger Altliberalen, über die junge Garde in der Parteiführung der hanseatischen Freien Demokraten. Diese, saloppe Formulierung sicherte Rahlfs zwar einen Stammplatz in den Zitatenkästchen der Journalisten – auf den Kandidatenlisten seiner Partei hingegen rangierte er künftig nur noch auf aussichtslosen Positionen.

Ähnlich wie Rahlfs erging es fast allen seinen Mitstreitern gegen die neuen Parolen und Programme der Partei. Die Jungen in der Hamburger FDP-Zentrale, mehr links denn liberal gewirkt, haben den Weg zu den wichtigen Schaltstellen parteiinterner Macht konsequent beschritten: Am vergangenen Wochenende baten sie zu dem noch fälligen Finale. Mit der 35jährigen Bundestagsabgeordneten und Lufthansa-Ingenieurin Helga Schuchardt wurde zum erstenmal in der Nachkriegsgeschichte des Stadtstaates Hamburg eine Frau an die Spitze eines Landesverbandes gewählt.

Vergeblich hatte Peter-Heinz Müller-Link noch vor wenigen Jahren der starke Mann in der FDP und einer ihrer beiden Gegenkandidaten, an seine Parteifreunde appelliert: „Stoppt Helga jetzt!“ Müller-Link warnte seine Partei davor, unter Helga Schuchardts Führung die SPD links überholen zu wollen. Auch Hermann Ferdinand Arning, während der vergangenen sechs Jahre Parteichef der Hamburger Liberalen, konnte die Wahl seiner ehemaligen Sympathisantin nicht verhindern. Schon im ersten Wahlgang unterlag er sang- und klanglos. Eine große Überraschung: Arnings Aussichten, wenigstens den Stichentscheid gegen Helga Schuchardt zu erreichen, waren auf Grund der bisherigen innerparteilichen Mehrheitsverhältnisse ungleich höher bewertet worden, als die von Müller-Link. Im vertrauten Kreise hatte Müller-Link seinen Part bei diesem Postenpoker freimütig mit „Zählkandidat“ umschrieben, „um mal die Stimmung in der Partei zu testen“.

Das Ergebnis löste bei Freund und Feind Erstaunen aus: für Peter-Heinz Müller-Link, den viele schon auf dem politischen Altenteil wähnten, votierten 57 Delegierte, 75 gaben Helga Schuchardt den Vorzug. Der Kommentar eines offensichtlich leidgeprüften Liberalen: „Jetzt geht das Rechts-Links-Spiel wieder los.“ So griffig derartige politische Standortbestimmungen auch sein mögen, „Rechte“ oder „linke“ sind in den Reihen der Hamburger Freien Demokraten kaum auszumachen. Es sei denn, man nimmt die Schnacks einiger weniger Altliberalen und Jungdemokraten für bare Münze. Freilich liegt den Hamburger Liberalen das Freiburger Reformprogramm der FDP näher als etwa den Landesverbänden von Niedersachsen, Hessen oder Nordrhein-Westfalen.

Ist Helga Schuchardt demnach nur eine Konzessionsfrau im Jahr der Frau? Diese Vermutung bietet sich zunächst an, doch die FDP-Bundestagsabgeordnete repräsentiert alles andere als nut den Typ des smarten, lieb lächelnden Vorzeigemädchens, das sich auf Plakaten optisch gut macht, aber von Politik und Ellenbogen wenig versteht. Die am Reißbrett erfahrene Ingenieurin wußte schon von Anbeginn ihres parteipolitischen Engagements sehr wohl, wie Karrierepläne zu konstruieren sind. Dabei vergaß sie auch ihre Freunde nicht, allen voran der Mathematik-Professor Dieter Biallas. Erst 1969 zu den Freien Demokraten gestoßen, spielt er heute bereits eine Schlüsselrolle als Senator für Wissenschaft und Kunst und Zweiter Bürgermeister in der Hamburger Landesregierung. Gemeinsam trimmten die FDP-Jüngeren, unterstützt von einigen Apo-erprobten Parteineulingen, die über Jahrzehnte mittelständisch orientierte Hamburger FDP auf einen neuen politischen Kurs.

Nicht mehr als „ein Dutzend Profis“ – so schätzt der einst starke Mann der FDP Peter-Heinz Müller-Link – genügten Ende der sechziger Jahre, um das Fähnlein der rund 2000 Organisierten Hamburger Liberalen von der Notwendigkeit anderer Führer und Vorstellungen zu überzeugen. Die hanseatische FDP, einst Anwalt des wirtschaftlichen Mittelstandes, steuerte konsequent eine neue Zielgruppe an: die sozialen Aufsteiger. Spezielle Adressaten der FDP-Werbung waren leitende Angestellte, höhere Beamte und akademisch gebildete Jungwähler. Zugleich wurde eine Doppelstrategie kreiert, um die Mobilität und die Attraktivität der Partei zu erhöhen. Die neue Devise im liberalen Lager: Mitregieren, um auf diesem Wege Positionen rechts im Establishment zu besetzen, andererseits durch Aktionen außerhalb des parlamentarischen Bereiches, zum Beispiel im Bündnis mit Bürgerinitiativen, die FDP als reformerische Kraft links von der SPD zu etablieren.

Inzwischen wollen nicht mehr alle Miterfinder dieser Formel auf ihrer strikten Einhaltung bestehen. Ein verständlicher Wunsch, denn die ehemaligen Strategen an der Parteibasis sind heute voll im Establishment verankert. Sie sitzen entweder in der Landesregierung oder aber besetzen führende Fraktions- und Parteifunktionen. Als Koalitionspartner der Sozialdemokraten stehen sie zudem permanent unter Kompromißzwang. Leere Staatskassen und vollmundige, liberale programmatische Absichtserklärungen lassen sich derzeit nur schwer in Einklang bringen.

Auch die neue Parteichefin Helga Schuchardt hat dies erkannt. Ihr Programm für die nächsten zwei Jahre fiel deshalb bescheiden aus. Sie möchte den Hamburger Einfluß auf die Bundespartei stärken, die hanseatische Bürokratie und Verwaltung durchforsten und in der eigenen Partei „mehr Integration durch Diskussion“. Das waren moderate Töne, die nur schwer zum Bild der als „links“ apostrophierten Helga passen. Sie selbst will dieses Etikett für sich nicht gelten lassen: „Ich mache liberale Politik.“ Doch ob dazu auch weiterhin das propagierte Bündnis mit den Kommunisten, das imperative Mandat und der Nulltarif im öffentlichen Nahverkehr zählen, wird Helga Schuchardt noch erklären müssen.