Fingerbrechen leicht gemacht

Das Danziger Kreisgericht bereitet einen ungewöhnlichen Prozeß vor. Angeklagt wird der Student des Danziger Polytechnikums, Stefan K., 24 Jahre alt. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, in den vergangenen zwei Jahren etwa 20 Personen, darunter auch einem 18jährigen Mädchen, gegen Bezahlung mit Geld oder mit alkoholischen Getränken die Finger gebrochen zu haben.

Das Danziger Parteiorgan Glos Wybrzeza schildert diesen Fall: Gemeinsam mit einem rauschgiftsüchtigen Freund, der inzwischen an den Folgen seiner Sucht gestorben ist, hatte Stefan K. ein hölzernes Kästchen konstruiert, in dem durch Hebelwirkung fast spielend ein Finger der hineingelegten Hand gebrochen werden konnte. Um diese Operation jedoch schmerzlos zu machen, betäubte der Arztsohn örtlich durch eine Injektion den zu brechenden Finger seines Klienten. Darin hatte er, wie er in der Vernehmung aussagte, „genügend Erfahrung“. Ampullen mit dem Betäubungsmittel waren für ihn keine Hürde; „davon gab es zu Hause genug“.

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„So kamen sie, die Arbeiter der Werften und des Hafens in Gdansk (Danzig), und rannten ihm förmlich die Bude ein, um sich einen Finger brechen zu lassen und auf diese Weise eine mehrtägige Krankschreibung (wegen eines Arbeitsunfalles, versteht sich) mit Krankengeld zu erschleichen“, schreibt Glos Wybrzeza.

Die Gründe für die Selbstverstümmelung waren verschiedener Art. Der eine wollte ein paar Tage „mit seiner neuen Flamme“ am Strand verbringen, ein anderer hatte einen Kurzurlaub an den Masurischen Seen ins Auge gefaßt, kurzum, Stefan K., der als „der humane Fingerbrecher“ galt, ließ sich immer wieder zu dem Eingriff überreden, obwohl er selbst meint: „Wäre ich allen Wünschen nachgekommen, gäbe es mehr als 50 gebrochene Finger.“

Wie dem auch sei, das polnische Strafrecht sieht Verstümmelungen zum Zwecke der Arbeitsunfähigkeit als volksschädigend an. „Der Staat hat Entschädigungen für die fingierten Unfälle gezahlt. Es entstand ihm ein doppelter Schaden: durch Ausfall von Arbeitskräften im Produktionsprozeß und durch Zahlung von Krankengeld und Entschädigungen“, monierte die Zeitung.

Daher lautet auch die Anklageschrift unter anderem: „... wegen Körperverletzung und Unterschlagung von Staatseigentum.“ Stefan K. erwartet eine hohe Stafe. Jan Kurzok

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