Praktiker ohne Probleme?

von Jürgen Werner

Von Jürgen Werner

Wie is dat bloß möglich“ – Hennes Weisweiler ließ meine Hand nicht wieder los, Tränen der Enttäuschung in seinen Augen. Borussia Mönchengladbach war im Dezember 1971 seit gerade zwei Stunden durch das Unentschieden (0:0) in Berlin gegen Inter Mailand aus dem prestige- und profitträchtigen Europapokalwettbewerb der Landesmeister ausgeschieden. In unserem Gespräch damals wurde dann deutlich, was ihn so aus der Fassung gebracht hatte. Sechs Wochen zuvor nämlich hatte seine Mannschaft denselben Gegner in Mönchengladbach mit einem 7:1-Sieg deklassiert und damit – so der Trainer Weisweiler – neue Maßstäbe für Erfolgsfußball gesetzt: „Das Nonplusultra, Fußball zu spielen, wurde an jenem Abend erreicht. Ich und die Mannschaft waren so glücklich und stolz. Und jetzt dies!“

Die Annullierung jenes Ergebnisses durch den Europäischen Fußballverband (UEFA) wegen einer von einem Fanatiker aufs Spielfeld geworfenen Bierdose und die Neuansetzung des Spiels in Berlin empfindet Weisweiler noch heute als Ungerechtigkeit und Manipulation. Doch die Zeiten haben sich geändert. Damals, 1971 in Berlin – Borussia Mönchengladbach war Deutscher Fußballmeister 1970 und 1971 gewesen – schien er, 50jährig, am Ende. Diesmal, vier Jahre später, steht er wieder am Anfang.

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Der F. C. Barcelona, neunfacher spanischer Fußballmeister und mit 60 000 Mitgliedern neben Real Madrid einer der reichsten und angesehensten Clubs in Spanien, in diesem Jahr in der Meisterschaft gescheitert, verpflichtete ihn zu einer Summe, die Hennes Weisweiler mir nicht nennen will, aber doch umschreibt. „Wissen Sie, es ist richtig, daß ich in den zwei Jahren in Barcelona von 1975–1977 mehr verdiene als in zehn Jahren in Mönchengladbach.“ Ich beginne zu rechnen.

Die Spieler kassierten in diesem Jahr für den Gewinn der Deutschen Meisterschaft und des UEFA-Pokals – ein europäischer Wettbewerb der nach dem Meister viernächstplazierten Vereine – etwa 30 000 Mark. Dazu kommen noch etwa 40 000 Mark Spielprämien im Laufe der Saison. Da der Trainer – so Weisweiler – an den Spielprämien in der Regel, wie auch in Mönchengladbach, nicht beteiligt ist, wird in der Bundesliga in starkem Maße mit Erfolgsprämien gearbeitet. „Der Erfolg am Ende der Saison wird etwa mit dem Doppelten der Spielerprämien honoriert. Das halte ich für angemessen“, nüchtern formuliert Weisweiler die Maxime der Buncesiigavereine.

So gesehen – geht man also einschließlich des Grundgehalts von einem Jahresgehalt von etwa 150 000 Mark in Mönchengladbach aus – scheint die auf eine Million geschätzte Summe in Barcelona realistisch. Soviel Geld für einen Trainer, bedeutet das nicht ein neues Selbstverständnis für die Stellung und die Rolle des Trainers allgemein, insbesondere aber für ihn, Weisweiler? Oder Inders gefragt, ist damit nicht die Gleichberechtigung zwischen Spieler und Trainer hinsicht.idi ihres Wertes für Erfolg und Mißerfolg erreicht? Max Merkel, bei Athletico Madrid erst erfolgreicher, dann gefeuerter Trainer, in Zukunft bei Schalke 04, hatte ja noch sarkastisch gemeint, auch ein Karajan könne aus einer Feuerwehrkapelle nicht die Berliner Philharmoniker machen.

Worin bestehen also die Unterschiede zwischen Ihnen und anderen Bundesligatrainern? „Dazu möchte ich nichts sagen. Ich kann es nur auf Grand meiner eigenen Entwicklung als Spieler und Trainer beurteilen. Weil ich selbst gespielt habe, weiß ich, was in Spielern vorgeht. Diese Voraussetzung scheint mir besonders wichtig.“ Die sportliche Biographie gibt Aufschluß. Von 1947–1952 war er Spielertrainer beim 1. FC Köln. „Ich spielte Stopper und defensiver Außenläufer, offensiv wie Sie, das konnte ich nicht.“ Er, der wie kein anderer heute den Angriffsfußball propagiert, war als Aktiver mehr ein Fußballhandwerker, sachlich, nüchtern und solide.

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