Zeit des Zögerns

Jurij Trifonows großer Geschichtsroman aus dem alten Rußland von Heinrich Böll

Von Heinrich Böll

Eine Zigeunerin in Paris hatte dem Zaren Alexander II. prophezeit, sieben Attentate würde er überleben. Das sechste fand im Februar 1880 statt und bestätigte die Wahrsagerin: Es war dem Tischler Stepan Chalturin gelungen, sage und schreibe 150 Kilogramm Dynamit in das Winterpalais zu schmuggeln, und der Zar hatte diese fürchterliche Explosion überlebt. Chalturin entkam, während die Zündschnur noch schwelte; Wachsoldaten und Personal entkamen nicht. Und obwohl die Zeichen ungünstig standen (er hatte am Abend vorher beim Whist sein eigenes Bild vom Tisch gestoßen), ließ Alexander II. sich schon wenige Wochen später, am 1. März 1880, ausfahren, um eine Parade abzunehmen und bei seiner Lieblingskusine Tee zu trinken. Wie konnte er ahnen, daß im siebten Attentat das achte enthalten war? (Ein Zwillingsattentat, das als Drilling geplant war, denn als neuntes Attentat war Scheljabows Dolchstoß in Reserve gewesen, doch war Scheljabow im letzten Augenblick verhaftet worden.) So entging der Zar dem siebten Anschlag, Ryssakows Schuß, und erlag dem achten, Grinewitzkijs Bombe, die wenige Sekunden später geworfen wurde.

Vorbereitungen und Ausführungen des geglückten Anschlags und einiger mißglückter Attentate bilden den Handlungsfaden dieses erstaunlichen Buches von

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Jurij Trifonow: „Die Zeit der Ungeduld“, Roman, aus dem Russischen von Alexander Kaempfe; Scherz Verlag, München, 1975; 450 S., 36,– DM.

Trifonow begibt sich in die spannungsgeladene Tradition russischer „Langatmigkeit“ und wird doch weder konventionell noch spekulativ. Man muß den Glücksfall der Übersetzung von Alexander Kaempfe hinzuzählen, wenn man sich fragt: was ist das für ein Land, für ein Volk, eine Sprache, die nicht nur den Stoff für einen solchen Roman vor der Tür liegen haben, sondern wo ein solcher Roman auch noch geschrieben wird? Wir sollten uns, denke ich, auf einiges gefaßt machen, nicht nur von Trifonow oder Woinowitsch. In Trifonows Roman wird vom Autor weder gerichtet noch hingerichtet; Trifonow hält sich an keinerlei Klischee, weder ideologisch noch in seinen Formalitäten. Er bietet keine Revolutionärs-Ikonographie und hält sich an kein gängiges Kritiker-Klischee, nach dem ein Roman in eine bestimmte Kategorie zu gehören hat. Er nimmt das offenbar unerschöpfliche Phänomen „russische Nihilisten und Anarchisten im 19. Jahrhundert“ auf, und diese historisch erfaßbare (und erfaßte), sehr heterogene Gruppe wird, obwohl sie reichlich in Aktionen und deren Vorbereitung verwickelt ist, dennoch eher in ihren Gesprächen und Zusammenkünften erfaßt, in den geglückten Augenblicken der Solidarität, deren Zerbröckelung und Wiederherstellung durch die beiden erstaunlichen und doch nicht hagiographisch hingestellten Männer Andrej Scheljabow und den „Hausmeister“ Alexander Michailow. Und nicht nur beim Zaren, auch bei ihnen spielen trotz Planung, ideologischer Auffrischung immer wieder das „Schicksal“ und diese unfaßbare „Zigeunerin“ hinein. Obwohl viel geschieht und viel getan wird, erscheint mir die Handlung sparsam; vorherrschend ist die von innen und von außen betriebene Auflösung der Gruppe. Trifonow hat in diesem Roman verschiedene Romantypen, den historischen, psychologischen, den lyrischen und den Kriminalroman in- und aufeinandergebracht; diese Romantypen sind miteinander verwoben.

Endlose theoretische Auseinandersetzungen, Rivalitäten, Eitelkeiten, Eifersüchteleien, Torheiten, Liebenswürdigkeiten – und doch letzten Endes der Ernst des gemeinsam gefaßten Entschlusses, den Zaren zu ermorden; und diese Tat, die der Befreiung dienen, den Aufstand auslösen sollte, wird doch nur zum Signal für eineTendenzwende: An Stelle des immerhin andeutungsweise liberalen Loris-Melikow kommt mit Alexander III. der oberste aller Reaktionäre, Konstantin Pobedonoszew, an die Macht, und schon kurz vor dem Mord werden auf der Straße „verdächtig aussehende Brillenträger und Langhaarige verhaftet“.

Nicht nur Spitzel, auch Verräter – auf beiden Seiten. Eine der wichtigsten Figuren ist der unscheinbare, fast unbedarfte Kleinbürger Nikolai Kletotschnikow. Er wird als Informant der Revolutionäre in den Geheimdienst eingeschleust, bleibt der treueste Anhänger der Verschwörer, hält bis zum bitteren Ende durch; seine Motive werden nie so recht klar. Dieser ein bißchen wehleidige Kleinbürger hält sich jedenfalls besser als der intellektuell brillante, eitle und ebenso fulminante Aktivist Grischka Goldenberg, der den Generalgouverneur Kropotkin ermordet hat – und auf den ersten besten Lockspitzel und die plumpen Anbiederungen des Staatsanwalts hereinfällt. Während der unfreiwillige Verrat Goldenbergs schon schwelt, hält das Ziel – die Ermordung des Zaren – die Gruppe ein letztes Mal zusammen – und die Utopie: „Der letzte Mord – welch eine Versuchung. Und dann beginnt das Reich der Vernunft. Die Gerechtigkeit triumphiert.“

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