Peter Kropotkin: „Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt“; Karin Kramer Verlag, Berlin 1975; 294 S.

Wie viele seiner Landsleute reiste der Russe Peter Kropotkin (geb. 1842, gest. 1921) nach der Oktoberrevolution von 1917 aus westeuropäischem Exil zurück nach Moskau, voller Hoffnung, die große soziale Umwälzung, für die er gekämpft und um derentwillen er im zaristischen Gefängnis saß, könne sich nun verwirklichen. Schon nach kurzer Zeit sah er sich bitter enttäuscht. Nicht die Grundformen der Gerechtigkeit, nicht Solidarität und Gleichheit in freier Entscheidung bestimmten das Leben, sondern ein neuer, straff organisierter Staat ersetzte die alte Autorität, schuf Zwänge, wo Freiheit sein sollte, und spannte das Individuum in Funktionen; die dem Staat als Selbstzweck, nicht aber den Menschen nützten. Kropotkin fand, der Geist Europas sank auch in Rußland auf das Niveau, das er vor 1848 hatte.

Die Staatsproblematik war schon das große Streitgespräch auf der I. Internationale. Hatte Friedrich Engels noch 1842 in einem Brief an Bebel den Staat als vorübergehende Einrichtung bezeichnet, „derer man sich im Kampf, in der Revolution bedient, um seine Gegner gewaltsam niederzuhalten .. und betont, „sobald von Freiheit die Rede sein kann, hört der Staat als solcher auf, zu bestehen“, so verteidigten dreißig Jahre später er und Marx den Staat als notwendige Institution, auch nach der Revolution. Die Internationale zerbrach an dieser Frage; der Russe Michael Bakunin vertrat in vehementen Ausbrüchen die Anarchie, die Herrschaftslosigkeit, einen Gesellschaftszustand, der auf die Autorität des Staates verzichten kann.

Der jüngere Kropotkin stimmt nicht in allem mit Bakunin überein, lehnte aber wie dieser den Staat strikt ab. In den achtziger und neunziger Jahren beschrieb er in zahlreichen Aufsätzen, Artikeln und Büchern, was er unter „Anarchismus“ verstand, nämlich ein weitgefaßtes soziales Programm, das auf dem Boden von Wissen, Freiheit und Gerechtigkeit allmählich die Zwänge des Staates, welcher Verfassung auch immer er sei, auflösen und natürliche menschliche Gemeinschaften an ihre Stelle setzen würde.

Kropotkin war von Haus aus Naturforscher. Seine Beobachtungen der Tierwelt veranlaßten ihn zu Studien menschlicher Verhaltensweisen in Geschichte und Gegenwart. Das kulturhistorische Material aus den Frühzeiten menschlicher Entwicklung, über mittelalterlichen Gildensozialismus und neuzeitliche Wiederentdeckung alter Rechte schien ihm die auch heute von Anthropologen und Ethnologen und Soziologen nicht widerlegte These zu erlauben, daß „gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt“ ein Grundprinzip des Lebens sei, ein natürlicher Instinkt, dessen Verlust Beeinträchtigung bedeutet.

Die zuerst in der Zeitschrift Nineteenth Century zwischen 1880 und 1896 veröffentlichten Darlegungen über gegenseitige Hilfe bei den Tieren, den Wilden, den Barbaren, in der Stadt des Mittelalters und bei den Menschen unserer Zeit stehen den im 19. Jahrhundert gängigen Auffassungen Darwins und Herbert Spencers entgegen, nach welcher der Krieg aller gegen alle das Gesetz des Lebens sei. Kropotkin fand überall das Gegenteil bestätigt und in der Geschichte der Menschheit nur dann Verstöße gegen das Prinzip der Gegenseitigkeit, wenn Zwang von außen, unnatürliche Eingriffe oder fremde Interessen die gewohnten Bindungen hinderten. Die Entwicklung der europäischen Gesellschaften brachte mit dem Mehr an Staat in Absolutismus und Imperialismus ein Weniger an Eigenverantworturtg, an Gegenseitigkeit, an Solidarität. Die meisten Kämpfe, Rebellionen, Aufstände gingen um altes Recht, das die Obrigkeit abgeschafft hatte, oder, wie schon bei den römischen Märtyrern, um die Weigerung, neue Autoritäten und deren Symbole anzuerkennen.

„Nicht nur war vieles, was unsere modernen Radikalen erstreben, bereits im Mittelalter erfüllt, sondern es war sogar vieles von dem, was jetzt als utopisch bezeichnet wird, damals tatsächliche Wirklichkeit“, weist Kropotkin nach und erinnert an eine Verordnung Ferdinands I., die den Arbeitstag in den kaiserlichen Kohlengruben auf acht Stunden festsetzte, sowie an die zahlreichen Feiertage. Das Leben in freien, brüderlichen Gemeinden bedeutete auch ökonomische und soziale Gemeinsamkeit. Nachdem die Autonomie der Dorfgemeinden, Gerichtshöfe, Gilden, Städte, Bruderschaften beschnitten und schließe lich beendet war, fiel der Idee der Staatszentralisation die Idee der Gegenseitigkeit zum Opfer.

„Die Usurpation aller sozialen Funktionen durch den Staat mußte die Entwicklung eines, ungezügelten, geistig beschränkten Individualismus begünstigen. Je mehr die Verpflichtungen gegen den Staat sich häuften, um so mehr wurden offenbar die Bürger ihrer Verpflichtungen gegeneinander entledigt.“

Kropotkin hält die Entwicklung immerhin für reversibel. Voraussetzung dafür ist, daß die Rolle des Staates neu überdacht wird, mit dem Ziel, ihn abzuschaffen und kleine, autonome Einheiten gesellschaftlichen Lebens, die sich selber regulieren, an seine Stelle zu setzen. Staat ist für Kropotkin. nicht identisch mit Gesellschaft und nicht mit Regierung. Entbehrlich ist der oktroyierte Staat, der eine einheitliche Gesellschaft vortäuscht. Gesellschaft ist die jeweilige, autonome, natürlich gewachsene Einheit, die sich nach bestimmten Ordnung und bestimmtem Gesetz konstituiert. Kropotkin. hält Regierung durchaus für gerechtfertigt, wenn die auf Gegenseitigkeit sich stützende Gemeinschaft sich diese wählt.

Der Anarchismus Kropotkins wendet sich gegen jede Art von Herrschaft, auch gegen die dogmatische Autorität und erst recht gegen Brachialgewalt. So konnte der heimgekehrte Kropotkin nicht mit Lenin zusammenarbeiten, der ihn dazu aufforderte, aber als Hegelianer an die Wahrheit glaubte, die in der Macht liegt. Kropotkin glaubte nicht an diese Wahrheit, sondern an den kategorischen Imperativ; er mißbilligte Lenins Ungeduld: „Verlangt ein Ereignis von so ungeheurer Tragweite wie die soziale Revolution nicht, daß man ihr einen Spielraum von Jahrzehnten gewährt?“ Christa Dericum