Von Tilmann Schneider

Wer heute vor der Wahl eines bestimmten Studiums steht, kann nur noch selten allein nach Neigung und Interesse entscheiden. Er muß nicht nur die Grenznoten der ZVS (Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätzen), sondern auch die Berufsaussichten in sein Kalkül einbeziehen. Hat er also den erforderlichen Notendurchschnitt im Abitur schließlich geschafft, so wird ihm für die meisten Ausbildungsgänge, ausgenommen die „echten“ Numerus-clausus-Fächer wie etwa Medizin oder Pharmazie, das Horoskop gestellt, mit hoher Wahrscheinlichkeit später Mitglied eines akademischen Proletariats zu werden.

Die Fachleute sind sich so einig wie noch nie, daß die Berufsaussichten zukünftiger Juristen schlecht sind. Sie studieren gut fünf Jahre, sind zwei Jahre Referendar und brauchen rund ein Jahr für die beiden juristischen Staatsprüfungen. Für Studienanfänger ist also die Marktlage in gut acht Jahren maßgeblich; und diese wird durch ein erhebliches Überangebot an Juristen gekennzeichnet sein.

Im Prinzip sind mittelfristige Prognosen über die Berufsaussichten von Studienanfängern im Fach Rechtswissenschaften recht einfach. Man berechnet oder schätzt einerseits den gesamten zukünftigen Bedarf an Juristen für einen bestimmten Zeitraum und stellt andererseits an Hand der Anfängerzahlen fest, wie viele Juristen voraussichtlich in diesem Zeitraum ihre Ausbildung abschließen werden. Dabei steckte bisher die Schwierigkeit hauptsächlich in der einigermaßen genauen Voraussage des Bedarfs über einen Zeitraum von acht Jahren; und das ist auch der Grund dafür, daß Berufsprognosen für diesen Bereich bis vor kurzem stark divergierten. Doch durch das enorme Ansteigen der Anfängerzahlen im Fach Rechtswissenschaft kommt es im Endergebnis auf eine genaue Vorhersage des Bedarfs gar nicht mehr an.

Von einem schon seit 1966 relativ hohen Niveau aus sind die Anfängerzahlen seit 1972 in drei Jahren um rund hundert Prozent gestiegen. Nach jahrelangem Juristenmangel ist die Arbeitsmarktlage für Juristen aber schon gegenwärtig ungünstig. Selbst wenn man daher den zukünftigen Juristen-Bedarf noch wesentlich höher einschätzen würde als alle bisherigen Prognosen, läßt sich mit hoher Wahrscheinlichkeit sagen, daß etwa ab 1980 wenigstens ein Viertel der Assessoren keine ihrer Ausbildung entsprechende Beschäftigung finden werden. Dabei ist schon berücksichtigt, daß Jura teilweise als „Parkstudium“ für Fächer mit strengeren Zulassungsbeschränkungen benutzt wird und daß der im Wintersemester 1975/76 erstmalig eingeführte bundesweite Numerus clausus für Jura eine (allerdings geringfügige) Verminderung der Anfängerzahlen bringt.

Was bedeuten nun diese generell schlechten Berufsaussichten für denjenigen, der Jurist werden möchte? Für die individuellen Berufsaussichten ist die Note des zweiten juristischen Staatsexamens von ausschlaggebender Bedeutung, da der öffentliche Dienst, aber auch die Anwaltschaft und die Wirtschaft mehr oder weniger offen auf diese Prüfungsnote fixiert sind. Woher soll aber der Abiturient wissen, wie er in acht Jahren in einem Examen abschneidet, dessen Gegenstand er kaum kennt?

Hier hilft eine Erhebung des Justizministers von Nordrhein-Westfalen (1975) über den Zusammenhang von Abiturnoten und Ergebnissen der ersten juristischen Staatsprüfung. Danach besteht ein erstaunlich enger Zusammenhang zwischen dem Notendurchschnitt von Mathematik, Deutsch, der ersten Fremdsprache und der Examensnote. Die Gründe für diesen Zusammenhang sollen hier nicht erörtert werden. Statistisch bedeutet er allerdings nur eine wenn auch recht hohe Wahrscheinlichkeit.

So haben vom Abiturnotendurchschnitt von 2,00 bis 2,32 (2 = gut) fast 60 Prozent die überdurchschnittlichen Noten „vollbefriedigend“ und besser im Staatsexamen erreicht, während dieser Prozentsatz für die Abiturnoten von 4,00 bis 4,32 (4 = ausreichend) unter sieben Prozent sinkt. Berücksichtigt man nun weiter den erfahrungsgemäß sehr engen statistischen Zusammenhang zwischen den Noten des ersten und zweiten juristischen Staatsexamen, so ergibt sich folgendes: Liegen die Abiturnoten der Hauptfächer erheblich unter dem Durchschnitt der zum Jurastudium Zugelassenen (Grenznote im Wintersemester 1975/76: 3,00), also im Bereich von 2,50 bis 3,00, so ist es sehr wahrscheinlich, daß nicht nur schon das Staatsexamen Mühe machen wird, sondern auch, selbst wenn die Prüfungen bestanden werden, die bis dahin erforderliche Note nicht erreicht wird.

Der schon vom Gymnasium her. bekannte Kampf um einen Platz an der Sonne verschärft sich also noch während der juristischen Ausbildung. Es wird gewissermaßen und vereinfacht ausgedrückt in zwei Klassen gekämpft. Die Angehörigen der zweiten Klasse mit den Abiturnoten zwischen 2,5 und 3 starten dabei mit einem Handicap. Obwohl es sicherlich Auf- und Abstieg zwischen den Klassen gibt, sind die Chancen in der zweiten Klasse so schlecht, daß man sich fragen muß, ob man nicht die Lizenz zum Studium der Rechtswissenschaft zurückgeben sollte.

Ginge es hier darum, eine gesamtgesellschaftliche und vor allem volkswirtschaftliche Fehlsteuerung zu vermeiden, so müßte den Mitgliedern der zweiten Klasse schlankweg vom Jurastudium abgeraten werden. Ein Ratschlag für die individuelle Entscheidung mit diesen Motiven wäre jedoch unglaubwürdig und auch ohne großen Effekt. Es geht hier vielmehr darum, eine informierte Entscheidung des einzelnen Studienanfängers herbeizuführen im Bewußtsein der möglichen Risiken und unter sorgfältiger Abwägung des Für und Wider.

Zu welcher Entscheidung der Abiturient mit dem schlechteren Notenschnitt kommt, hängt von den individuellen Umständen und der Bereitschaft ab, in dieser wichtigen Frage des künftigen Berufs ein Risiko einzugehen. Da die Prognosen für alle anderen akademischen Berufsbilder mit Ausnahme der erwähnten „echten“ Numerus-clausus-Fächer ebenfalls ungünstig sind, kann man als Angehöriger der zweiten Klasse den Schluß ziehen, auf eine akademische Ausbildung überhaupt zu verzichten. Man kann aber, auch mit Netz arbeiten und das juristische Studium nach einer Ausbildung außerhalb der Hochschulen aufnehmen. Für diese Lösung, die wohl für die Mehrzahl – der schwächeren Abiturienten am günstigsten ist, käme zum Beispiel die Ausbildung zum Bankkaufmann oder zum Industriekaufmann in Betracht. Schließlich kann man auch trotz allem einfach mutig darauflos studieren.

Diese relativ leicht einzusehenden Zusammenhänge und Folgerungen lösen jedoch weder für den einzelnen noch für die Gesellschaft das Problem eines drohenden Akademikerüberschusses. Vielmehr kommt es heute und in Zukunft darauf an, die soziale und individuelle Überbewertung akademischer Berufe abzubauen. Wer studiert, sollte sich darüber klar werden, daß er, auch wenn er eine der akademischen Ausbildung herkömmlicherweise entsprechende berufliche Position nicht erreicht, die nach Einkommen und Sozialprestige herausgehoben ist, immer noch keine gescheiterte Existenz ist.

Dies ist in einer Gesellschaft, die Leistung im Beruf über alles setzt und die dieses Ideal vor allem in ihrer mittleren und oberen Schicht auch verinnerlicht hat, ein schwieriger Lernprozeß. Wer es jedoch schafft, den Leistungsgedanken derart auf ein gesundes Maß zu reduzieren, wird nicht nur sein berufliches Ziel weniger verkrampft anstreben können, sondern auch vor der Aussicht nicht erschrecken, als Assessor möglicherweise einmal ein Taxi fahren zu müssen.

Der Autor ist Studienberater der Abteilung Rechtswissenschaft an der Ruhr-Universität Bochum