Der Kanzler in China

Wird er, oder wird er nicht? Die Ungewißheit darüber, ob Mao Tse-tung den Bundeskanzler mit einer Audienz ehrt, ist gewiß der spektakulärste Aspekt der China-Reise Helmut Schmidts. Dabei kann die Entscheidung des großen Vorsitzenden nicht einmal als Indikator für die Wertschätzung des Gastes dienen; denn sie hängt von einem weitaus banaleren Faktum, nämlich vom Gesundheitszustand des Einundachtzigjährigen, ab. Wenn das Interesse dennoch der möglichen Begegnung Schmidts mit Mao gilt, dann zeigt das nur, wie sehr die Tatsache selbst, daß ein westlicher Staatsmann das Reich der Mitte besucht, inzwischen zur Selbstverständlichkeit geworden ist.

Mit Aufregungen wie bei der jüngsten Kissinger-Visite ist jedenfalls nicht zu rechnen. Zum einen gibt es zwischen der Bundes- und der Volksrepublik keine bilateralen Probleme (siehe auch Seite 7), zum anderen brauchen die Chinesen den nüchternen Schmidt im Gegensatz zum freischwebenden Kissinger aus keiner Entspannungseuphorie zu reißen. Die Gastgeber können es bei sanften Warnungen vor den Sowjets belassen, der Kanzler wird mit der Erklärung seiner Ostpolitik ohne Illusionen in Peking weder Sorgen noch Hoffnungen wecken. Auf wirtschaftspolitischem Gebiet schließlich bleiben, solange der Handel mit dem 800-Millionen-Volk das Volumen des deutsch-luxemburgischen Warenaustausches nicht überschreitet, nur gebremste Erwartungen für die Zukunft.

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Somit ist die Bekanntschaft des Kanzlers mit dem dritten Machtzentrum der wichtigste Grund für die Reise, Ein pragmatischer Politiker wie Schmidt zu Gast in einem ideologischen Weltreich – das ist freilich schon der besonderen Aufmerksamkeit wert. D. B.

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  • Quelle DIE ZEIT, 31.10.1975 Nr. 45
  • Schlagworte China | Helmut Schmidt | Mao Zedong | Reise | Bundeskanzler | Handel
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