Von Dieter Buhl

Das Echo war weniger schrill als gewöhnlich, dafür schallte es aus den unterschiedlichsten Richtungen. Während das linke Lager den neuesten Konzentrationscoup im westdeutschen Pressewesen nur gedämpft kritisierte, verkündeten CDU und Verleger diesmal deutlicher ihr Unbehagen. Da aus dem sonst um die Meinungsvielfalt so besorgten Bundesinnenministerium gar lobende Worte über die Kooperation zwischen der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (WAZ) und der Neuen Ruhr Zeitung (NRZ) zu hören waren, drängt sich die Frage auf, welches Urteil denn nun der Zeitungsehe im Ruhrgebiet gebührt: Ist sie verdammenswert oder nachahmungswürdig?

Wie die Bewertung dieses jüngsten Presseverbundes schließlich auch ausfällt, über eines läßt sich nicht streiten: Die Umstände seines Entstehens sind ein Skandal. Es war wie bei so vielen ähnlichen Gelegenheiten zuvor – Geheimnistuerei, Beruhigungsmanöver und Dementis bis zum Schluß. Wenn das Sujet nicht so ernst wäre, könnte man sich an den Ablauf gängiger Bauernschwänke erinnert fühlen: Erst streiten sie sich, dann zieren sie sich, am Ende aber kriegen sie sich doch. Derlei Verwirrspiele der Verlagsherren müssen einen Berufsstand erschüttern, für den das Streben nach Transparenz einer der wichtigsten Leitsätze ist.

Dabei war, bei allem Verständnis für diskretes Geschäftsgebaren, das Ergebnis der Essener Kungelei unausweichlich. Seit Jahren schon stand die Essener NRZ auf der Krankenliste der deutschen Presse. Einem Blatt, das in den Großstädten der Ruhr und der Rheinschiene auf Platz zwei, wenn nicht gar drei krebste, war keine gute Zukunft zu prophezeien.

Kritiker des Expansionsdranges der WAZ übersehen jetzt, daß diese Strukturschwächen der Neuen Ruhr/Rhein Zeitung zum großen Teil selbstverschuldet waren. NRZ-Verleger Oppenberg hat ein sozialdemokratisches Mitspracherecht bei seiner Zeitung immer energisch bestritten. Im Gegensatz zu SPD-Blättern brauchte die NRZ daher bei ihrer Verbreitungsstrategie auf die Wünsche der Parteiführung oder der örtlichen Funktionäre keine Rücksicht zu nehmen. Mit anderen Worten: Die Zeitung konnte nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten verbreitet werden und mußte als Nachrichtenorgan der SPD nicht auch in der Diaspora erscheinen. Oppenberg muß sich deshalb fragen lassen, warum er seinen Startvorsprung als einer der ersten Lizenzträger im Revier nicht besser nutzte.

Aufstieg und Fall der NRZ sind exemplarisch für das Schicksal einer ganzen Reihe von Revier-Zeitungen. Auch angesichts des wachsenden Riesen WAZ waren die kleinen Pressekönige nicht zu nutzbringender Zusammenarbeit bereit. Die Versuche der potenteren WAZ-Konkurrenten, kostensparende Kooperationsmodelle im Bereich von Redaktion, Technik, Vertrieb und Anzeigengeschäft zu zimmern, sind immer wieder an der Eigenbrödelei der Verleger gescheitert. Ihr Motto lautete offenbar: Lieber klein, aber allein.

Quittungen für diese Engstirnigkeit wurden schon häufiger präsentiert. Erst streckte rund ein Dutzend lokaler Postillen im Revier vor der Westdeutschen Allgemeinen die Arme. Dann wurden chronische Fehler in der Verlagspolitik und die akuten Belastungen durch enorme Einnahmeverluste auch den Regionalblättern zum Verhängnis. Nach der Dortmunder Westfälischen Rundschau (Auflage 230 000) mußte sich nun auch die NRZ (250 000) unter den Schirm der „Allgemeinen“ (nach Angaben ihres Verlagsleiters beträgt die Auflage 650 000) flüchten. Im Regen bleiben als letztes wichtiges und unabhängiges Blatt im Ruhrgebiet die Ruhrnachrichten (230 000) in Dortmund.