Von Marianne Kesting

Georges Bataille wurde als Nachfahre der „poètes maudits“ und als sexualitätsbesessener Autor zu einer Zeit bei uns bekannt, da eben Triebverzicht nicht mehr zu den Generalproblemen der Gesellschaft zählte. Der Rowohlt Verlag verlegte 1972 „Das obszöne Werk“, der Luchterhand Verlag 1966 „Abbé C“ und 1967 „Das Blau des Himmels“ – Romane der Besessenheit, die teilweise den von Baudelaire neu initiierten Satanismus fortführten. Gleichzeitig kamen widersprüchliche Nachrichten von ganz andersartigen Interessen des Autors über die Grenzen.

Bataille, Archivar und Bibliothekar an der Nationalbibliothek Paris, der Walter Benjamins – Nachlaß rettete, als Benjamin vor den anrückenden Nazitruppen aus Paris flüchten mußte, war. Katholik, Atheist, Surrealist, Nietzsche- und De-Sade-Anhänger und sollte sich vor allem auf einem Gebiet betätigt haben, das den Literaten meist eher von der ideologischen Seite vertraut ist: dem der Soziologie und Ökonomie.

Derlei diffus anmutende Interessenlagerungen werden erst jetzt in ihrem Zusammenhange deutlich, da ein Verlag den Mut hat, die Gesamtausgabe der Werke Batailles, die seit 1970 in Paris erscheint, auch in Deutschland zu edieren. Als Auftakt dazu ist erschienen –

Georges Bataille: „Das theoretische Werk – Die Aufhebung der Ökonomie“; Verlag Rogner & Bernhard, München, 1975; 415 S., 49,–DM (Subskriptionspreis 45,– DM),

ein Buch, das ich ohne Zögern einen der wichtigsten Traktate zur Misere der Industriegesellschaft nennen möchte. In diesem fundamentalen Angriff auf die „riesige Mißbildung“ der Industriegesellschaft schließen sich zumindest einige Angänge Batailles zusammen.

Obgleich hier von Literatur nicht die Rede ist und wir mit ihr quasi nur über die luzide Darstellungsweise Batailles in Berührung kommen, ist doch „Der verfemte Teil“ („La part maudite“) deutlich inspiriert durch die Oppositionshaltung der französischen Avantgarde-Literatur seit Baudelaire, die sich dessen annahm, was von der modernen Profitgesellschaft als „unnütz“ verurteilt und unterdrückt wurde. Bataille fragte – und das bereits im Jahre 1933 – nach dem Nutzen dessen, was als unnützlich, und diskutierte den Nutzen dessen, was in unserer Gesellschaft als allein nützlich gilt: die industrielle Produktion und was ihr dient.