Kissenkunst, zerrissene Realität

von Petra Kipphoff

Malerei heutzutage, hierzulande: zwei Museen (Häuser also, die erst in zweiter Linie Ausstellungsveranstalter sind) in zwei Hansestädten (Städten also, die erst in dritter Linie als Dorados der Gegenwartskunst gerühmt werden) zeigen in diesen Wochen zwei Künstler, die zu den wichtigsten zeitgenössischen Malern gehören. Die Kunsthalle in Bremen hat Gerhard Richter, die Kunsthalle in Hamburg hat Gotthard Graubner eine Retrospektive eingerichtet. Keines der beiden Häuser hat bisher einem „Neuen Meister“ so viel Raum zur Verfügung gestellt, so viel Arbeit zugewendet.

Noch vor wenigen Jahren hätten wohl weder die Künstler noch die Museumsdirektoren eine solche Ausstellung für erstrebenswert oder möglich gehalten. Heute scheint man das nüchterner und phantasievoller zugleich zu sehen: Mit Ausstellungen wie diesen findet das Museum, ganz krampflos und selbstverständlich, den Anschluß an die Gegenwart, gewinnt es zusätzliches Publikum; in Häusern wie diesen wird der Künstler, ganz undramatisch und selbstverständlich, herausgefordert wie sonst nirgendwo, gewinnt er zusätzliches Publikum.

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Gotthard Graubner ist ein sehr eindrucksvoller Interpret seiner selbst. Er ist der Hauptverantwortliche für die Gestaltung seiner Ausstellung, seines Katalogs, und es ist eine brillante Mise en scene geworden: die im neu geweißten, mit einigen extratausend Watt angestrahlten Kuppelraum der Hamburger Kunsthalle sehr sorgfältig arrangierten Bilder und Blätter; der mit Kommentaren, Selbstkommentaren, Zitaten und farbigen Abbildungen reich ausgestattete, vorbildlich gestaltete und gedruckte Katalog.

Gotthard Graubner besteht auch auf dem Untertitel der Ausstellung, „Malerei“, und er hat dem von ihm üppig mit Weltliteratur von Leonardo bis Rothko durchsetzten Katalog die Feststellung vorangesetzt: „Farbe = Verdichtung – Malerei.“ Im Katalog zur Ausstellung in der Kestner-Gesellschaft Hannover hatte Graubner 1969 geschrieben: „Farbe wird erfahrbar durch ihre Nuance.“ Aus diesen beiden Sätzen addiert sich sein Programm, sein Thema: Malerei ist Farbe, Malerei manifestiert sich als Farbnuance.

Graubner ist ein umsichtiger Revolutionär, er wollte nie die Kunst mit dem Leben gleichsetzen oder dem Tafelbild den Garaus machen, seine theoretisch autobiographischen Maximen formulieren keine Explosion, sondern eine Implosion. Graubner will der Malerei im Rahmen ihrer selbst eine neue Wirkungsmöglichkeit hinzugewinnen. Der Hauptakteur ist dabei die Farbe, die für ihn nicht Mittel der Darstellung, sondern – ein Akt der Kontraktion – Mittel und Thema zugleich ist. Für Graubner emanzipiert sich die Farbe von einem Material zu einer Kraft, die sich weitgehend nach ihren eigenen Gesetzen entfaltet, ein Vorgang, den der Künstler in Gang setzen, aber dann nur in Maßen steuern kann.

Das klingt einigermaßen theoretisch enthaltsam einerseits, mystisch ausgreifend andererseits, In Graubners Bildern, Gouachen und Aquarellen, auf denen die Farbmonokulturen ineinanderfließen und -wachsen, ist beides wahrnehmbar, sie sind gleichermaßen spröde und assoziationsträchtig. Welcher Eindruck beim Betrachter überwiegt, wie er auf diese farbintensiven, aber gar nicht farbfrohen weil mischfarbenen Bilder reagiert, hängt in einem ganz außergewöhnlichen Maß von seiner Stimmung, von dem Raum und der Beleuchtung, auch von der Anzahl der dieses eher meditative Erlebnis möglicherweise störenden Mit-Betrachter ab.

In der Rotunde der Hamburger Kunsthalle hat Graubner eine für seine Absichten und sein Werk ideale Umgebung gefunden und sich geschaffen. Da ist zum ersten die hohe weiße Kuppel, die das Scheinwerferlicht, das aus einem in der Mitte des Raumes stehenden Zylinder nach oben geworfen wird, reflektiert und den ganzen Raum in ein durchdringend helles Licht taucht. Da ist zum anderen dieses Zylinderrund, das nicht nur der Kaschierung der Lichtquelle, sondern auch als Ausstellungsfläche dient; im äußeren Kreis hängen die großen Bilder, im inneren Kreis die kleinen Gouachen und Aquarelle. Durch diese Anordnung entsteht eine quasi kommentierende Wechselwirkung zwischen den meist frühen Gouachen und Aquarellen und den erst später entstandenen Ölbildern; schließlich gerät das ganze Werk im Rund des Arrangements in eine sanfte Bewegung, die Entwicklung bleibt nicht in der Addition hängen, sondern gewinnt eine sichtbare Dynamik.

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