Warum Deutschlands größter Textilkonzern in Not geriet

Von Hermann Bößenecker

Karl Buschmann, Chef der IG Textil-Bekleidung, wurde in den letzten Jahren nicht müde, Hans Glöggler als Typ des fortschrittlichen, sozial aufgeschlossenen Unternehmers zu loben. Der Augsburger Selfmademan, der seit 1969 mit unglaublicher Schnelligkeit die größte deutsche Textilgruppe auf die Beine gestellt hatte, erschien ihm als die Inkarnation des „Prinzips Hoffnung“ seiner so oft schon totgesagten Branche.

Am vergangenen Montag nun erschien Buschmann bei Bayerns Wirtschaftsminister Anton Jaumann und bat – einer unter vielen – um staatliche Hilfe. Der hektisch zusammengekaufte, auf Pump gebaute Konzern des vermeintlich so akzeptablen „Kapitalisten“ nämlich liegt in Agonie. Der Spekulant Glöggler hat durch allzu gewagte Finanztransaktionen den Textil-Unternehmer Glöggler zur Strecke gebracht. Denn die halbwegs rentabel produzierenden Textilfirmen des Konzerns mußten zu lange bluten für die spekulativen Abenteuer ihres Herrn, der an der Börse – zumeist glücklos – immer neue Aktienpakete erwarb und auch im Immobiliengeschäft erfolglos blieb. So sind Banken, Lieferanten und staatliche Sanierer in den Landeshauptstädten München, Wiesbaden und Stuttgart fieberhaft bemüht, die mehr als 11 000 bedrohten Arbeitsplätze der fünf Produktionsgesellschaften zu retten. Die zumindest teilweise Sozialisierung der Verluste ist die für den Steuerzahler mißliche, aber wohl unvermeidliche Konsequenz. Der Konzernherr selbst ist nach sicheren Informationen unterdessen weitgehend entmachtet.

Glögglers Debakel kommt nicht unerwartet (ZEIT Nr. 46, 1975). Doch der Mann, der kein „Glücksritter“ sein wollte, war in den letzten Monaten, als die finanzielle Krise immer deutlichere Gestalt annahm und Bayerns Wirtschaftsminister Anton Jaumann bereits Auffangpositionen aufzubauen suchte, offenbar von allen guten Geistern verlassen. Er schlug auch die letzten Warnungen seiner Banken in den Wind.

Darüber hinaus verstrickte er sich in harte Auseinandersetzungen mit seinen beiden erst Mitte 1975 berufenen Chef-Managern Albert Henkel und Josef Waider. Sie sahen die Katastrophe herannahen und forderten von ihrem Boß die echten Zahlen der Konzern-Holdings. Weder sie noch die Banken kannten nämlich die wahren Vermögensverhältnisse Hans Glögglers. Die Bilanz des heillos verschachtelten, aus fünf Produktionsgesellschaften und zahlreichen Vertriebs- und Finanzierungsfirmen bestehenden Konzerns sagte darüber so gut wie nichts.

Drei Tage vor Weihnachten endlich war Glöggler bereit, die verlangten Unterlagen herauszurücken. Und die waren so alarmierend, daß Henkel und Waider noch im alten Jahr die widrigsten Gläubiger – Banken, Kreditversicherer und Lieferanten – nach München riefen.

Mitschuld der Banken?

Sie eröffneten den Betroffenen das ganze Ausmaß des Debakels, gewannen deren Vertrauen und ihre Bereitschaft, an der erforderlichen Sanierung des Konzerns „positiv und konstruktiv“ mitzuwirken. Doch die Bildung eines Gläubigerbeirats, der die Rettung vornehmlich der produzierenden Gesellschaften überwachen sollte, wurde erst einmal aufgeschoben.

Will man den beteiligten Banken glauben, so haben sie Glöggler vor den Folgen seiner ungezügelten Expansionspolitik und besonders vor spekulativen Aktiengeschäften längst gewarnt. Niemand will am Desaster mitschuldig sein. Von den deutschen Kreditinstituten sind die Bank für Gemeinwirtschaft (BfG) und – auch hier – die Hessische Landesbank Girozentrale (Helaba) am stärksten engagiert, von den ausländischen Instituten die schweizerische Migros-Bank und American Express.

Insbesondere der gewerkschaftseigenen BfG wird der Vorwurf gemacht, sie habe in den Jahren 1972 und 1973 Glöggler allzu bereitwillig mit Krediten den Aufbau seines Konzerns ermöglicht und ihm auch noch im Ausland Kontakte verschafft. Pressesprecher Eberhard Dettweiler räumt ein: „Wir haben ihm den Weg geebnet und vor allem beim Kauf der Erba AG sehr eng mit ihm zusammengearbeitet.“

BfG-Vorstandsmitglied Thomas Wegschneider betont jedoch, daß die Kredite seiner Bank fast ausschließlich in den Produktionsgesellschaften stecken, also nicht unmittelbar zur Finanzierung spekulativer Geschäfte dienten. Die BfG jedenfalls habe ihrem Schützling schon vor einem Jahr klargemacht, daß er an der Grenze seiner Verschuldung angelangt sei und „von uns keinen Pfennig mehr bekommt“. Er fügt immerhin hinzu: „Gegenwärtig bemüht sich jede Bank, die bei Glöggler engagiert ist, um ein Alibi.“

Bei der Deutschen Bank wird angedeutet, daß Glöggler dort schon vom Sommer 1974 an, als er sich in fragwürdige Aktientransaktionen wie den auf Pump getätigten Kauf eines Pakets an der größten deutschen Baufirma, Philipp Holzmann in Frankfurt, einließ, nicht mehr persona grata war. Man vermißte eine unternehmerische Gesamtkonzeption und zog sich von Glöggler zurück. Grundsätzlich hatte die Deutsche Bank die Idee eines Verbunds mehrerer Textilfirmen mit einer gemeinsamen Zentralverwaltung als richtig angesehen und deshalb dem ehemaligen Augsburger Baustoffhändler 1973 auch ihre Schachtel-Beteiligung bei der Augsburger Kammgarn-Spinnerei verkauft.

Vor knapp einem Jahr nun führte die Deutsche Bank Glöggler einen Interessenten für das Holzmann-Paket zu, der bereit war, einen aus heutiger Sicht attraktiven Preis zu zahlen. Doch der noch in Selbstgefälligkeit schwelgende Textil-Industrielle und Spekulant glaubte, er müsse mehr daran verdienen und lehnte ab. Inzwischen ist der Holzmann-Kurs – zumindest vorübergehend – so stark abgesackt, daß fraglich ist, ob Glöggler seinen Einstandspreis von 100 bis 120 Millionen Mark wieder hereinholen kann.

Die Deutsche Bank jedenfalls will bei dem Verkauf des Holzmann-Besitzes, den Glöggler jetzt anstrebt, keine unmittelbare Hilfestellung mehr geben. Auch der von Glöggler – selbst in Bonn vorgetragene – Hinweis auf angebliche arabische Interessenten zieht nicht. Erst kürzlich hatte der Vorstandssprecher der Bank, Franz Heinrich Ulrich, eine Lösung à la Daimler-Benz für utopisch erklärt. „Wir wären dann ja erpreßbar“ von jedem, der sich irgendwo eine Schachtel zusammengekauft hat.

Erst recht ungehalten wurden Glögglers Kreditgeber, als er sich aus emotionalen Motiven beim ungeliebten Augsburger Rivalen Dierig einzukaufen begann. Unternehmerisch konnte er sich davon nichts versprechen, da mehr als 75 Prozent der Dierig-Aktien in Familienhand festliegen. Da aber die Dierig-Kurse mittlerweile gesunken sind, gibt es auch für den Spekulanten Glöggler fürs erste nichts zu holen. Kursglück hatte er allein mit seinem – wie in allen Fällen auch hier auf Kredite gebauten – AEG-Engagement.

Die spät geübte Zurückhaltung der Hausbanken konnte Glöggler aber auch 1975 nicht bremsen. Bei vorwiegend ausländischen Kreditinstituten gelang es ihm, noch schätzungsweise weitere 130 Millionen Mark loszueisen. Diese Geldgeber spürten nicht, welche Risiken sie mit dem Mann eingingen, der noch kürzlich auf die Frage, ob ihn der geringe Eigenkapitalanteil von nur rund 20 Prozent in seiner Bilanz nicht beunruhige, salopp konterte: „Die Deutsche Bank hat nur fünf Prozent.“

Hilfe vom Staat?

Alles in allem summieren sich die Bankschulden der Gruppe nun auf 700 bis 800 Millionen Mark. Nicht weniger als 38 deutsche und ausländische Banken sitzen im schlingernden Boot. Durch Stundung der Zinsen und ein ursprünglich auf ein Jahr terminiertes Stillhalteabkommen auch der Lieferanten wollen sie den größten Teil des akuten Finanzbedarfs von 50 Millionen Mark nun bis Ende Februar decken. Durch Verkäufe der über 200 Millionen Mark schweren Spekulationspakete (vor allem: Holzmann, Dierig, AEG) und eines unrentablen Hotelturms in Augsburg soll Geld in die Konzernkassen fließen. Und wenn das Ausmaß der Misere offiziell ermittelt ist und der Sanierungsbedarf – zwischen 100 und 200 Millionen Mark – einigermaßen feststeht, will der bayerische Staat entscheiden, ob er über eine Bürgschaft mithilft. In Hessen ist eine Staatshilfe von acht bis zehn Millionen Mark schon „weitgehend unter Dach“.

Das Sanierungskonzept sieht vor, daß die Kreditgeber die ihnen verpfändeten Anteile. an Glögglers Textilfirmen in eigene Beteiligungen umwandeln und daß zwischen den Industrieunternehmen und dem „spekulativen Bereich“ Glögglers ein „Vorhang heruntergelassen“ wird. So formuliert es Richard Flessa von der staatlichen Bayerischen Landesanstalt für Aufbaufinanzierung.

Ohne die gefährliche finanzielle Auspowerung der Produktionsbetriebe wäre die Firmengruppe nämlich, darin stimmen die Banker und Manager überein, recht gut durch das Textil-Krisenjahr 1975 gekommen. Der letzte industrielle Betriebsverlust von 15 bis 20 Millionen Mark wird durchaus nicht als dramatisch empfunden. BfG-Mann Wegscheider: „Ohne die Spekulation wäre alles gut gegangen.“