Schlappheit und Schlendrian

Kann der Westen ein rotes Rom verkraften?

Von Kurt Becker

Der Sturz der Regierung Moro hat das italienische Krisenkarussell wieder in Bewegung versetzt. Aber die sonst übliche, fast zynische Gelassenheit des Westens bei derlei italienischen Zusammenbrüchen ist diesmal ausgeblieben. Eine latente Sorge schlägt in die präzise Befürchtung um: Wann wird die Kommunistische Partei, die zweitstärkste Partei Italiens, zum Teilhaber der Regierung aufsteigen? Jetzt bei der Regierungsneubildung, wozu die Stimmung noch nicht reif ist? Bei vorgezogenen Neuwahlen, an denen am allerwenigsten die Kommunisten interessiert sind? Oder unabwendbar als Ergebnis der regulären Neuwahlen im Frühjahr nächsten Jahres?

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Die Einschätzungen unterscheiden sich beinahe nur noch in der Mutmaßung des Zeitpunktes. Der traditionelle Führungsanspruch der Christdemokraten ist durch Schlappheit und Schlendrian verschlissen. Aber sollen andere Staaten die Mitregierung der Kommunisten gleichmütig hinnehmen, weil nur sie Law and Order zu garantieren scheinen – und obwohl die verbleibende Freiheitsmarge umstritten ist?

Niemand vermag noch zu glauben, Italien könne durch äußeren Beistand politisch stabilisiert werden. Die Europäer haben spät, aber immerhin noch rechtzeitig vor irreparablen Entwicklungen Portugal am Abtreiben ins autoritäre Fahrwasser bewahren können; und frühzeitig hat sich der Westen zu Handreichungen für eine demokratische Zukunft Spaniens bereit gefunden. Gegenüber Italien jedoch verharren alle Partner und Verbündeten in der untätigen Rolle des Zuschauers. Die wirtschaftliche Misere ist freilich nur das einprägsamste Kennzeichen einer tiefen Krise, die über den ökonomischen Bereich hinweg die Fundamente der politischen und gesellschaftlichen Existenz erschüttert. Die römische Regierung dringt auch nicht mehr auf ausländische Hilfe. Heute besteht eine unausgesprochene Übereinkunft, daß Italiens Krise nicht zu europäisieren ist, daß Remedur nur von den Kräften im eigenen Lande ausgehen kann. Die Verbündeten Italiens, so scheint es, haben vor dem Unvermeidlichen kapituliert. Sie stellen sich auf eine Zäsur in Rom ein, auf den seit vielen Jahren von den Kommunisten propagierten „historischen Kompromiß“, der die politische Bündnisfähigkeit mit den Christdemokraten ermöglichen soll. Dabei würde eine italienische Koalitionsregierung mit kommunistischer Beteiligung den gesamten Westen viel nachhaltiger verwirren, als dies im Falle des europäischen Randstaates Portugal geschehen ist.

Gewiß sind zumindest die intellektuellen, sich liberal gebenden Führer der italienischen Kommunisten nicht mit den portugiesischen Vulgärkommunisten vergleichbar. Aber ihre Eigenständigkeit gegenüber Moskau und die von ihnen öffentlich bekundete Bereitschaft, die demokratischen Werte der Freiheit und die Modalitäten des Machtwechsels durch Wahlen zu respektieren, setzen natürlich nicht den Zweifel außer Kraft, was wohl dahinter steckt: nur verbale Taktik oder wirklich verläßliche Gewißheit. Dennoch ist bisher nirgendwo in Westeuropa die rigorose Drohung geäußert worden, ein kommunistischer Koalitionspartner in Rom werde Italien automatisch in die totale Isolierung führen und eine Suspendierung seiner Mitgliedschaft in den westlichen Organisationen nach sich ziehen.

Wirkung auf Washington

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