Karl Marx in reiner FormSeite 2/3

Vor allem ist Lübbes Konzeption eines genossenschaftlich-egalitären Sozialismus, eines Sozialismus. der Selbstverwaltung der Produzenten, nicht ohne Originalität; er führt das Modell der Selbstverwaltung, das von ihm als „Vorstufe“ zum eigentlichen Sozialismus angesehen wird, nicht nur auf Marx, Engels und Lenin zurück, sondern grenzt es auch gegen den Selbstverwaltungssozialismus jugoslawischer Prägung ab. Lübbes Produzenten Selbstverwaltung ist in erster Linie dadurch gekennzeichnet, daß auch das Staatseigentum an den Produktionsmitteln in Gemeineigentum umgewandelt wird. Nur auf diese Weise können, nach Lübbe, die Betriebe „Kollektive frei assoziierter Produzenten“ bilden; nur so kann „zentrale Leitung“ zum „Selbstzentralismus frei assoziierter Produzenten“ werden; nur so kann, schließlich, der bürokratische Apparat des von ihm heftig kritisierten „staatsmonopolistischen Sozialismus“ der KPdSU und der SED überwunden werden. Weiterhin nuanciert er den jugoslawischen Weg auch dadurch, daß er den individuellen und den kollektiven Konsumenten gleichviel Spielraum einräumt.

Die in diesem Zusammenhang nicht nur theoretisch wichtige Frage danach, was im Sozialismus „lebensnotwendig“ sei, kann Lübbe freilich nur stellen, nicht beantworten. Seine Spekulationen zu diesem Thema muten etwas weltfremd an, etwa wenn er von der „Notwendigkeit“ von Kraftwagen spricht, die Autos aber dann nach einem das Egalitätsprinzip durchbrechenden Zuteilungsschlüssel offensichtlich kontingentieren möchte. In diesem Zusammenhang kommt auch bei Lübbe die sattsam bekannte Rede von der „Irrationalität“ von Bedürfnissen und Konsum in den gegenwärtigen Industriegesellschaften auf – ohne daß verbindliche oder auch nur plausible Kriterien angegeben würden.

Wie wird die Selbstverwaltungsdemokratie à la Lübbe verwaltet und gelenkt? Der Leser errät es: durch Räte, wie sie, auch in den Augen Lübbes, „zuerst in der Pariser Kommune“ bestanden. Damit nimmt Lübbe das utopische Traditionsgut des Marxismus voll für sich in Anspruch. Der Rätegedanke bedeutet grundsätzlich ein „Kein-Parteiensystem“, wie Lübbe zu Recht hervorhebt. Aber wer führt dann, wer gibt die Befehle?

Hier wird der Gedankengang ziemlich vage, wenn auf die „führende Rolle einer als Organisation zusammengefaßten Vorhut“ abgehoben wird. Zudem macht die Formulierung deutlich, daß Lübbe sich vom Leninschen Konzept der Kaderpartei offenbar nur schwer lösen kann. Obwohl er schließlich leninistische Parteien sowohl „alten“ wie „neuen“ Typs ablehnt, kann er Hannah Arendts Argument, die moderne Technik erfordere wie jede etablierte Macht eine Hierarchie und damit eine Organisation, nicht wirklich entkräften. Die Frage nach den spezifischen Formen der Organisation seines Sozialismusmodells hat Lübbe somit nicht beantwortet.

Im Zusammenhang mit dem Räte-Konzept verweist Lübbe, zweifellos zu Recht, auf Titos ursprüngliches Bekenntnis zum Rätegedanken. Die historische Entwicklung Jugoslawiens hat jedoch gezeigt, daß auch dort eine starke Bürokratisierung von Partei, Staat und Wirtschaft nicht vermieden werden konnten. Eben dieser auch in Titos Reich um sich greifende Bürokratismus und Etatismus und die damit einhergehende Entfremdung des Bürgers von Partei, Staat und Gesellschaft standen ja viele Jahre lang unter dem konzentrierten Feuer der Autoren der „Praxis“-Gruppe.

Schwankendes Lenin-Bild

In seiner (leider meist abstrakt bleibenden) Kritik an der überbürokratisierten Sowjetgesellschaft, die heute, gleichsam als Hinterlassenschaft des Stalinismus, die Form des staatsmonopolistischen Sozialismus angenommen habe, stützt sich Lübbe nicht nur auf Marx, Engels und Lenin, sondern auch auf kritische Marxisten wie Louis Althusser und Karl Korsch. Von Althusser übernimmt er die Kritik an der historischen und gesellschaftspolitischen „Überdeterminiertheit“ des Marxismus-Leninismus; Korschs aus den zwanziger Jahren stammende Auseinandersetzungen mit dem Bürokratismus und Staatsmonopolismus in der Sowjetunion sind in der Argumentation immer wieder sichtbar. In Lübbes Kritik enthalten ist die Ablehnung des Einparteiensystems und der geschlossenen Elite, der Parteioligarchie. Eine solche Sichtweite impliziert die Anerkennung eines „kraftvollen Streits der Meinungen“ – und damit, allerdings nicht explizite, eines Mehrparteiensystems.

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