Von Dieter E. Zimmer

An die Tür hatte er ein Joyce-Photo geheftet, und wenn er, auf dem Weg zum Arbeitstisch, morgens daran vorbeikam, schüttelte er ihm die Faust ins Gesicht. „Unter der Schwierigkeit der Übersetzung war ich am Anfang so resigniert, daß ich eine richtige Wut hatte auf das Buch und den Mann“, sagt Hans Wollschläger. Acht Jahre lang hat ihn Joyces „Ulysses“ beschäftigt, vier davon ausschließlich. Jetzt, da der neue deutsche „Ulysses“ endlich im Druck vorliegt, hat sich die Wut gelegt. Dem Menschen Joyce fühlt sich Wollschläger immer noch fern; aber seine erste besorgte Frage an den Leser seiner deutschen Fassung lautet: Merkt man ihr an, daß der „Ulysses“ ein ganz großes Buch ist?

Der 16. Juni 1904: zwei Dubliner Bürger verbringen einen ereignisarmen Tag. Der eine: Stephen Dedalus, ein zweiundzwanzigjähriger Diäter, die Taschen leer, den Kopf gedrängt voll von entlegenem Bildungsgut aus seiner jesuitischen Erziehung, voll auch von einer hochmütig schroffen Ablehnung seiner katholisch-nationalistischprovinziellen Heimat. Der andere: Leopo.d Bloom, ein achtunddreißigjähriger Anzeigenwerber, neugierig den praktischen Dingen das Lebens zugewandt, dem Anschein nach ein banaler, gutmütig vertrottelter Mann, den das Leben gebeutelt hat. Ein Dubliner Allerweltstag: Die Leute arbeiten wenig, laufen viel herum, beobachten, denken nach, irren sich, diskutieren, essen, trinken. Abends treffen Stephen und Bloom zusammen: Der Ältere bringt den Jüngeren aus einer Bordellschlägerei in Sicherheit, der Normalmensch das Genie, der Praktiker den Künstler, der Vater den Sohn, Odysseus den Telemach.

Die karge Geschichte erweist sich als die allerreichste, genug für tausend Romanseiten. Einmal, weil mit ihr eine penible Rekonstruktion der, wie wir heute sagen würden, Dubliner Szene jenes Tages einhergeht: ein Stadtporträt von einzigartiger Genauigkeit. Dann, weil in ihrem leisen Fortgang langsam das Innerste der Figuren nach außen gewendet wird: ein Tiefenporträt der Seele. Und schließlich, weil sie auf lockere, aber vielfache Weise auf die Irrfahrten des Odysseus und andere Monumente der abendländischen Kulturgeschichte (Aristoteles, Dante, Shakespeare, Vico) bezogen ist: ein historisches Porträt des Okzidents.

Der Roman ist so voller Realien, voller Bezüge seiner Motive aufeinander, voller Anspielungen und Zitate, daß eine geschäftige philologische Industrie jetzt über ein halbes Jahrhundert lang nach Symbolen und Bedeutungen jagt, ohne daß ein Ende abzusehen wäre. Joyce war der Meinung, Literatur sei aus dem gewöhnlichsten Stoff zu fertigen und nicht auf spektakulär dramatische Vorkommnisse angewiesen. Der „Ulysses“ ist Beweis dafür. Er reichert die Belanglosigkeiten eines Alltags in einer Stadt am Rande Europas derart dicht mit Bedeutung an, daß sie mythische Qualität gewinnen. „Ulysses“-Leser besuchen heute Dublin wie klassisch gebildete Geister Troja.

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So kolossal ragt der 1922 erschienene „Ulysses“ aus der Literatur nicht nur dieses Jahrhunderts heraus, daß die üblichen Superlative daran zuschanden werden. Das „Buch des Jahrhunderts“, „das Weltbuch unserer Zeit“ – was ist damit schon gesagt? Der Joyce-Biograph Richard Ellmann nannte es den schwierigsten aller unterhaltsamen und den unterhaltsamsten aller schwierigen Romane. Der Joyce-Forscher Jean-Jacques Mayoux schrieb, in keinem anderen Buch habe jemals ein Mensch einen ähnlich großen Aufschluß über sich selber gegeben. Arno Schmidt bescheinigte ihm, es sei „nicht auszulesen bis ans Ende des Angelsächsischen“. „Ich wünschte um meinetwillen, ich hätte es nie gelesen“, schrieb T. S. Eliot 1921 nach der Lektüre des Manuskriptes an Joyce, als wäre er von ihm persönlich bedroht.

Damals wirkte der „Ulysses“ auf normalere Gemüter vor allem als Schock: als „das obszönste Buch der Weltliteratur“. Die amerikanische Zeitschrift „Little Review“, die Teile daraus vorabdruckte, wurde als „obszön, unzüchtig, lasziv, schmutzig, anstößig und widerlich“ eingezogen. Kein englischer Verlag wagte den Roman zu drucken. So erschien er in Paris und drang von dort aus zu den hellhörigen Geistern der Welt vor. In die USA wurden die ersten Exemplare über die kanadische Grenze geschmuggelt; erst 1933 hob der Bezirksrichter Woolsey in seinem historischen Urteil den Bann auf: „Ulysses“, entschied er, sei mitnichten obszön, sondern nichts Geringeres als der Entwurf „einer neuen literarischen Methpde für die Beobachtung und Beschreibung der Menschheit“.

Der „Ulysses“ wirkt noch heute wie der totale Roman, in dem alle möglichen Romane, auch die „aktuelleren“, bereits enthalten und in gewisser Weise im voraus entkräftet sind: wüst und zart, offen für Außen- wie Innenwelt, modern und vergangenheitsträchtig. Er ist in dieser Hinsicht, wie der französische Kritiker Edmond Jaloux weise sagte, „über jedes Lob erhaben“. Er hatte unabsehbare Folgen, aber keine Nachfolger.

Dieser Totalitätseindruck rührt unter anderem daher, daß der „Ulysses“ ein radikal neues Verhältnis zur Sprache bezieht. Sie ist hier nicht mehr bloß Werkzeug zur Wiedergabe einer Geschichte: Sie selber ist Stoff des Buches. „Ulysses“ ist unter anderem eine Enzyklopädie der Stile: vom feierlichen Heldensang, den Idiomen der Theologie, Philosophie, Naturwissenschaft, des Kommerzes, der Politik, des Sports, des Journalismus, über alten und neuen Realismus, Kitsch, Vaudeville bis zu den kaputtesten Slangs. Joyce – das ist vor allem ein einzigartiges Sprachgehör, das alle Sprachstadien und Sprachschichten in sich aufnimmt und verarbeitet.

Darum ist ein Superlativ bestimmt nicht verfehlt: „Ulysses“ ist der schwerstübersetzbare Roman der Weltliteratur – abgesehen von seiner Steigerungsform, Joyces Spätwerk „Finnegans Wake“; aber das ist jenseits der Übersetzbarkeit.

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Eine deutsche Übersetzung des „Ulysses“ gibt es seit 1927; sie war die erste Übersetzung überhaupt. Der Zürcher Rhein-Verlag hatte damals einen Wettbewerb ausgeschrieben; Georg Goyert hatte ihn gewonnen. Die ersten 88 Seiten ging er, wenn auch flüchtig, persönlich mit Joyce durch; später stellte er noch ein paar (erstaunlich wenige) schriftliche Fragen. So trug die Goyertsche Übersetzung stolz das Gütesiegel: vom Verfasser durchgesehen und autorisiert. Und man kann Goyert auch heute die Hochachtung nicht versagen: angesichts seiner Tollkühnheit, es überhaupt mit einem derart schwierigen, damals noch selbst für englische Leser auf weite Strecken völlig dunklen Text aufzunehmen, auch angesichts seiner sprachschöpferischen Phantasie. Nur: eine zureichende Vorstellung von dem Original gab Goyerts Fassung nicht. Arno Schmidt kanzelte sie 1957 Inder „Frankfurter Allgemeinen“ richtig, aber doch zu hart ab: „Genial übersetzt? Ein Bruchteil. Handwerklich brauchbar...: die Hälfte. Der Rest? Eine Satire auf das grandiose Original! Wir Deutschen wissen noch nicht, was der ,Ulysses’ ist!“

Vorzuwerfen war Goyert zunächst seine unbekümmerte Faktenschlamperei. Aus „the imperial British state“ machte er einen Kaiserlich Britischen Staat, was das Vereinigte Königreich unangenehm berührt haben muß. Eine 4-Unzen-Dose Büchsenfleisch ließ er zu einer Puppendose von 40 Gramm Inhalt schrumpfen. An einer Stelle ist notiert, was ein Expander bei Bloom bewirkte: Vor seiner Benutzung betrug sein Brustumfang 28 Zoll, danach 29 1/2; Goyert übersetzt: „Brust 28, nach Atemholen 29.“

Daß Goyert unzählige Zitate und Anspielungen entgingen, verringerte zwar den Wert seines „Ulysses“ entschieden, war ihm bei dem damaligen Stand der Texterhellung aber noch kaum anzukreiden; um so mehr jedoch, daß er auch offensichtliche äußere Qualitäten wie Rhythmus und Tonfall barbarisch zerstörte.

Das vorletzte Kapitel („Ithaka“), im Stile eines wissenschaftlichen Katechismus geschrieben, endet mit einer der poetischsten Stellen der Literatur: Blooms kleiner und doch großer, großmütiger Geist sinkt weg in den Schlaf: „... der Kindmann müde, das Mannkind im Mutterschoß. Mutterschoß? Müde? Er ruht. Er ist gereist. Mit? Sindbad dem Seefahrer und Tindbad dem Teefahren...“ So heißt es jetzt bei Wollschläger. Bei Goyert aber stand: „... der müde Kindmensch, das Menschkind im Leibe. Leibe? Müde? Er ruht. Er hat gereist. Mit? Sindbad dem Seefahrer und Tindbad...“ Er muß sich selber sehr leibe gefühlt haben an dieser Stelle.

Vorher, im selben Kapitel, steht die Frage, mit welchem Erfolg es Bloom bei seiner Frau Molly „mit direkter Belehrung versucht“ habe. Goyert: „Sie folgte nicht allem, sondern einem Teil des Ganzen, paßte interessiert auf, begriff staunend, wiederholte sorgfältig, erinnerte sich mit größerer Schwierigkeit, vergaß leicht, erinnerte sich dann später nur langsam, wiederholte später nur fehlerhaft.“ Wollschläger gibt der Stelle die ihr zukommende syntaktische und logische Fasson: „Sie folgte nicht allem, nur einem Teil des Ganzen, gab mit Interesse acht, begriff mit Erstaunen, wiederholte mit Sorgfalt, erinnerte sich mit größerer Mühe, vergaß mit Leichtigkeit, wiedererinnerte sich mit Zweifeln, wiederwiederholte mit Fehlern.“

Eine der Stärken des „Ulysses“ ist der bloße Umfang seines Wortschatzes: Er wird auf 30 000 geschätzt – wohingegen normale, durchaus differenzierte Prosatexte mit ein paar tausend auskommen. Arno Schmidt spürte auf, daß Goyert zehn verschiedene Farbtöne mit einem „stereotypen Rot, bums! Rot, bums! Rot!“ wiedergab, den Text solchermaßen plättend.

Den Vorwurf der stilistischen Nivellierung weitet Wollschläger aus: Goyert habe nicht gemerkt, „daß die Irrfahrten des Odysseus Bloom sich in der Sprache abspielen, und zwar nicht nur

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‚auch‘, sondern einzig und allein“. Sein Hauptfehler sei gewesen, das ganze Buch auf einen Einheitstonfall einzuebnen, wo gerade das Sprachrelief herauszuarbeiten gewesen wäre.

Aber aus noch einem anderen Grund hält Wollschlager Goyerts Übersetzung für unzulänglich: Sie habe unterschlagen, daß es sich beim „Ulysses“ um „eines der schallendsten Witzbücher der Literatur“ handelt.

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Daß eine neue deutsche Übersetzung überhaupt unternommen werden konnte, ist bemerkenswert genug. Bedeutung und geschäftliche Einträglichkeit waren im Fall Joyce immer umgekehrt proportional. Sein Leben war eine unausgesetzte Geldnot; ohne die aufopfernde Hilfe von Freunden hätte sein Werk nie geschaffen und publiziert werden können. Und Übersetzungen werden im deutschen Verlagswesen gewöhnlich eher als ein notwendiges Übel gesehen; literarische Übersetzer fristen ein Stiefdasein.

Als sich der Rhein-Verlag auflöste, verkaufte er seine Rechte an den Südwest Verlag. Von ihm erwarb der Suhrkamp Verlag 1966 für etwa 200 000 Mark die Joyce-Rechte. 1967 wurde der Plan für eine neue Joyce-Übersetzung entworfen: für die „Frankfurter Ausgabe“, sieben Bände insgesamt, die nunmehr bis auf den Band 4 (Essays, Gedichte, das Drama „Exiles“, „Giacomo Joyce“ und Auszüge aus „Finnegans Wake“) vorliegen. In etwa drei Jahren soll sie eine Taschenbuch-Kassette ergeben. Begleitet wird sie von Informations- und Materalienbänden; allein Zum „Ulysses“ sind vier bis acht vorgesehen. Da er nun in zitierbarer Form vorliegt, kann auch die wichtigste Sekundärliteratur erscheinen; zunächst die Studien von Frank Budgen, Harry Levin, Richard Ellmann.

Siegfried Unseld, der Leiter des Suhrkamp Verlags, begnügte sich nicht damit, neue Übersetzer zu finden: Er bestellte der Neuausgabe zwei Redakteure – Klaus Reichert, inzwischen Professor für Anglistik in Frankfurt geworden, und Fritz Senn, den Mann, „der alles über Joyce weiß“.

Senn gehört zu einer aussterbenden Spezies: Kenner aus Leidenschaft und ohne dazugehörigen Beruf. Als junger Anglist kaufte er sich ein „Ulysses“-Exemplar; er blieb daran hängen, begann Joyciana zu sammeln, kam mit Joyce-Forschern in Kontakt, schrieb einen ersten Aufsatz über Joyce und seine Heimatstadt Zürich, in der Joyce 1941 gestorben war, gehörte zu den Initiatoren der alle zwei Jahre stattfindenden internationalen Joyce-Symposien, gibt die eine der beiden Joyce-Zeitschriften („Wake Newslitter“) mit heraus und besitzt heute die wahrscheinlich größte Joyce-Sammlung der Welt. Seinen Lebensunterhalt verdient er mühsam als Halbtagskorrektor in einer Zürcher Druckerei. Joyce wurde für ihn zu einer Art Lebens-Ersatz; er selber sagt es so. Die Kölner Universität verlieh ihm kürzlich den Ehrendoktor. Aber keine Universität hat sich bisher gefunden, sich seine Kenntnisse zunutze zu machen und ihm eine Dozentur zu übertragen; keine Stiftung, seine Sammlung als Kern eines Joyce-Archivs unter ihre Obhut zu nehmen.

Zu den Besessenen, die unter Verzicht auf alle Berufssicherheiten am Rande des Kulturbetriebs mehr schlecht als recht dahinleben, von deren Verzichten die Kultur jedoch lebt, gehört auch der Übersetzer Hans Wollschläger, einer der brillantesten, die wir heute haben. Er studierte Musik (Orgel), aber da er sich seiner Kirche entfremdete, mochte er auch nicht zu ihren Gottesdiensten aufspielen. Ein geringfügiger Job beim Karl-May-Verlag verschlug ihn nach Bamberg. Seitdem versucht er, sich freie Zeit für seine eigenen literarischen Arbeiten zu erobern. Ein 1000-Seiten-Roman über den paranoischen Zerfall einer Person liegt seit dreizehn Jahren in seiner Schublade – kein Verlag kann das typographisch komplizierte Riesenwerk kalkulieren. Währenddessen muß er sozusagen um sein Leben übersetzen. Für den „Ulysses“ erhielt er etwa das Dreifache dessen, was heute wie vor zwölf Jahren als gutes Übersetzerhonorar gilt, eine geradezu enorme Summe also. Sie bedeutet, daß er vier Jahre Schwerstarbeit für etwa 1300 Mark brutto im Monat verrichtete.

Kein Wunder, daß alle Beteiligten das Gefühl haben, Opfer gebracht zu haben: die mäßig entlohnten Redakteure, der Übersetzer, auch der Leser, der für den neuen „Ulysses“ 140 Mark bezahlen muß, und nicht zuletzt der Verleger. Eine normale Verlagskalkulation sieht vor, daß die Autoren-, Übersetzungs- und Bearbeitungshonorare nicht mehr als 12 Prozent des Ladenpreises betragen. Bei einer (gewagten) Auflage von 5000 Stück müßte der „Ulysses“, wäre er reell kalkuliert worden, bei der Höhe des Übersetzungs- und Bearbeitungsaufwands etwa 400 Mark kosten.

Es hat sich aus guten Gründen eingebürgert, über die Schlampigkeit der Übersetzer und die achtlose Knauserigkeit der Verleger (und den Zusammenhang zwischen beidem) zu klagen. In diesem Fall wäre es falsch. Alle haben draufgezahlt. Siegfried Unseld stellt nur eine Tatsache fest, wenn er sagt: „Kein Land, auch nicht England, betreibt diesen Aufwand mit Joyce.“

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Den „Ulysses“ übersetzt man nicht, indem man ein Blatt Papier in die Schreibmaschine spannt und sich ein paar Wörterbücher zurechtlegt. Für Wollschläger begann die Arbeit damit, daß er dieses „Entdeckungsbuch“ wieder und wieder las, um das Stilgefühl für die einzelnen Figuren zu entwickeln. „Ich mußte eine Zeitlang versuchen, wie Stephen oder Bloom zu leben.“ Seine „nie erlahmend tätige Passivität“, wie er es im Deutschlandfunk ausdrückte, ging nahe an den Ich-Verlust. Gleichzeitig waren Stöße von Sekundärliteratur zu bewältigen, die er wenig hilfreich fand, graphische Darstellungen der sprachlichen Zusammenhänge anzufertigen, Sondersprachen bereitzustellen – zum Beispiel für das für Joyce wie für seinen Übersetzer schwierigste Kapitel („Oxen of the Sun“). Hier lästern und saufen Medizinstudenten abends in einer Entbindungsklinik, während eine Frau ein Kind zur Welt bringt. Der Entwicklung des menschlichen Embryos analog, bewegt sich die Sprache durch neun Zeitphasen hindurch. In der deutschen Fassung beginnt diese Sprachbewegung mit einer stark mittelhochdeutsch eingefärbten Passage (schwieriger zu lesen als das Original – weil das Deutsche drastischere Wandlungen durchgemacht hat als das Englische in der gleichen Zeit) und endet mit einer „Nachgeburt“ von Slang-Schmutz. Siebenhundert Jahre Sprachentwicklung: die hat niemand aktiv im Kopf.

Dann entstand ein Rohtext. Er wurde nach Zürich an Fritz Senn geschickt, der ihn aufs reichlichste mit Anmerkungen versah: nicht etwa Übersetzungsvorschlägen, sondern Hinweisen auf möglicherweise übersehene sachliche Schwierigkeiten. Die strittigen Stellen wurden brieflich oder mündlich diskutiert.

Diese Zusammenarbeit verlief nicht ohne Spannungen. Zwei völlig legitime, aber weit auseinanderliegende Übersetzungskonzeptionen stießen hier aufeinander. Wollschläger wollte „keine Wortübersetzung an der Grammatik entlang“, sondern einen eigenständigen deutschen Text, „ein Kunst-Werk der deutschen Sprache“. Senn und Reichert wollten lieber Strukturen übersetzt sehen, Entsprechungen, Zusammenhänge, auch wenn die Stimmigkeit und Gefälligkeit der einzelnen deutschen Stelle darunter litte.

Dazu kam, daß Wollschläger ein Mann mit einem ungeheuren, aber auch ungemein logischen Sprachgefühl ist. Es machte. ihm Mühe, die Sprachdefekte des Originals, die er auch heute noch nicht für durchweg freiwillig hält, mit deutschen Sprachdefekten wiederzugeben – am liebsten hätte er Joyce hin und wieder verbessert, zumindest hätte er ihm gern die im Englischen nicht vorhandenen „Modalpartikel“ (wie „also“) hinzugefügt, ohne die ein deutscher Text gar nicht richtig deutsch klingt. Eine Zeitlang spielte er sogar mit dem Gedanken, den siebzigseitigen, interpunktionslosen, von Assoziation zu Assoziation fließenden Nachtmonolog der Molly Bloom, mit dem das Buch endet, durch Kommas zu skandieren. Für Senn und Reichert, Pedanten auf andere Art, war dagegen äußerste Texttreue oberstes Gebot – eingeschlossen die Treue zu den Joyceschen Stilbrüchen.

Übersetzer und Redakteure trafen sich jedoch wieder in der Überzeugung, daß es eine restlose Übersetzung nicht gibt, schon gar nicht bei einem Buch wie diesem, daß die Übersetzung nur eine Annäherung sein kann und niemals wirklich abschließbar.

Was geht verloren? Bloom gerät in den Kreis von nationalistischen Kneipen-Politisierern. Es sind die einäugigen „Zyklopen“. Der erste Satz des Kapitels beginnt mit „I“ (ich) und endet nach drei Zeilen mit „eye“ (Auge), dem für dieses Kapitel wichtigsten Organ. Der Satz vollführt damit eine Kreisbewegung. „Zyklop“ – das ist wiederum eine Zusammensetzung aus „kyklos“ (Kreis) und „opsis“ (Auge); folglich ist er in der Struktur des Satzes selber enthalten. In der deutschen Sprache ist dieser untergründige Zusammenhang wegen des Ungleichklangs von „ich“ und „Auge“ schlechterdings nicht auszudrücken. Gerade solche Geheimnisse aber sind nicht eine bloße periphere Zutat zu dem Buch; sie bestimmen sein Wesen. Ebensowenig läßt sich wiedergeben, daß ein Schreibfehler der Molly Bloom in einem Brief einmal aus „ward“ (Wort) „World“ (Welt) macht – eine für Joyces Sicht der Welt als Sprache überaus signifikante Verwechslung. Hier muß der Übersetzer passen.

Es wird in den nächsten Jahren eine Wollschläger-Joyce-Philologie auf den Plan treten, die seinen Text prüft und, weil sie zu kurz denkt oder auch tatsächlich Versehen und noch unerkannte Anspielungen entdeckt, ihm Fehler vorrechnet. Sie können gar nicht ausgeblieben sein. Seine Leistung wird man schwerlich schmälern können.

Was Wollschlägers Fassung der von Goyert voraus hat, mag hier eine einzige Stelle verdeutlichen. Am Ende des furchtgebietenden „Oxen“-Kapitels (die Saufkumpane brechen auf und erinnern sich dabei an die Beerdigung ihres Mitzechers Paddy Dignam, der arme Halbwaisen hinterläßt) steht im Original die undurchsichtige, wüste Slang-Stelle: „Tuck and turn in. Schedule time. Nix for the hornies. Pardon? See him today hat a runefal? Cham o yourn passed in his checks? Ludamassy! Pore picanninies! Thou’ll no be telling met thot, Pold veg! Did ums blubble bigsplash crytears cos frien Padney was took off in black bag? Of all de darkies Massa Pat was verra best.“

Goyert machte daraus, und er riet wohl nur: „Er hat sein Sach auf nichts gestellt. So pünktlich zur Sekunde. Zum Deubel mit den Spitzeln. Pardon? Hab ihn heute auf dem Buddelhof gesehen? Freund von dir eingebuddelt? Rescat! Arme kleine Blagen. Brauchste nicht erzählen. Habt ordentlich geheult wegen Freund Padney der in ner schwarzen Kiste abrutschte? Von alle Niggerkinder war Massa Pat der allabest.“

Bei Wollschlägers Fassung ist die Stelle nicht wiederzuerkennen, so klar wird sie plötzlich: „Kipp’s hinunter, und ab durch die Mitte. Polizeistunde. Bloß aufgepaßt auf die Polypen. Wie bitte? Ob ich ihn heut auf der Geerdibung gesehn hab? Kumpel von dir, hat sich von der Verpflegung abgemeldet? Achdumeinegüte! Die armen Bälger! Das brauchste mir nich zu erzählen, Poldyfreund! Ham wa jeflennt wie die Schoßhunde, weil Freund Padney futsch war in der schwarzen Kist? Von alle die Schwatzen Massa Pat sein bestes gewest.“

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Nun also kann sich endlich der deutsche Leser einen annähernden Begriff davon machen, was das für ein Buch ist, der „Ulysses“ – ein Gebirgsmassiv von Sprachstilen. Gut möglich, daß die Ahnung vom wahren Joyce, die Hans Wollschläger vermittelt, sich als eine der großen sprachschöpferischen Leistungen der deutschen Literatur überhaupt erweist. Der Weg zu Joyce ist frei, dank der Großtat des Suhrkamp Verlags und seines „Ulysses-Teams.

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Wollschläger hat in dem Buch an einer Stelle seine Signatur hinterlassen. In dem Bordell-Kapitel „Circe“, wo der tiefste Seelensatz von Bloom und Stephen in einer Art psychoanalytischer Revue körperliche Gestalt annimmt, taucht nach einer besonders rätselhaften Passage auf Blooms Stichwort „Ich fange gleich an zu schreien“ eine Figur auf, die im Original nicht vorkommt. Sie heißt „Jack the Bower“; und ein „bower“ könnte unter anderem ein „Wollschläger“ sein. „Bloom: Ich fange gleich an zu schreien! Jack the Bower (in Trauerkleidung, mit gesträubtem Schamhaar, in der Hand ein überzogenes Bankkonto, macht eine Einfügung): Ich ebenfalls. Götter selbst vergebens.“