Vor der zweiten Halbzeit: Nach schlechtem Januarendlich kam der langersehnte Schnee: Am „weißen Golde“ hängt doch allesSeite 2/3
Die Kontrastwirkung zwischen dem Weihchtsboom und der Januarflaute ist in vielen Orten schmerzhaft-hart. Besonders die schneemen Orte fallen tief ins gefürchtete „Januarloch“ hinein. Die Oberbayern etwa bezeichnen den vergangenen Monat ziemlich unisono als katastrophal. Hohe Temperaturen, Regen und stürmische Winde hielten auch die anhänglichsten Gäste fern oder lenkten ihre Wege in höhere Lagen. „Es war kein Mensch da“, jammert der Lenggrieser Verkehrsamtsleiter. Selbst das betriebsame Ruhpolding konnte nur eine durchschnittliche Belegung von 25 bis 30 Prozent buchen. Je rarer die Gäste, um so angestrengter natürlich die Bemühungen, sie bei Laune zu halten. Inzell arrangierte zum Trost Gesellschaftsspiele mit den unbeschäftigten Skilehrern, in Oberammergau fuhr das Bauerntheater Sonderschichten, in Berchtesgaden konnte man sich einen schönen Vormittag im Kino machen und nachmittags die Kurkapelle blasen hören. Als Retter in der Not bewährten sich allerdings auch die aufwendigen Allwetter-Einrichtungen: Hallenbäder, Kunsteisstadien, Tennis- und Reithallen, sogar die Heimatmuseen meldeten Besucherrekorde. Für die Liftunternehmer in Lagen unter 1000 Meter konnte es freilich kaum schlimmer kommen. Wochenlang fuhren sie über grüne Wiesen in die roten Zahlen. Zusätzlicher Ärger bei den wenigen, noch schneesichere Höhen erreichenden Bergbahnen: Wegen der heftigen Stürme mußten sie ihren Betrieb sieben und mehr Tage lang einstellen!
Schreckensmeldungen aus der Ferne
Die internationale Nobelgarde der großen Skistationen bettet sich dagegen schon wieder recht weich im Januarloch. Über Saalbach, Obertauern, Kitzbühel, den Arlberg, das Grödnertal und das Oberengadin ergossen sich in den Wochen der (bis zu 30 Prozent) ermäßigten Pensions- und Liftpreise die kostenbewußten und wetterharten, sportlich aber anspruchsvollen Skivölker der Bayern und Schwaben. „Weil sie kurze Anfahrtswege haben, genügt ihnen meistens eine Woche. Sie stehen auf der Piste, solange die Aufstiegshilfen sich bewegen, denn je mehr sie fahren, desto billiger wird ihr Skipaß. Bei den Pensionsmahlzeiten essen sie ihre Teller sorgfältig leer. Aber an der Skiausrüstung und am Bier sparen sie nicht“, beschreibt sie liebevoll-genau ein Saalbacher Pensionsbesitzer.
Während meteorologische Schreckensmeldungen im alpenfernen Hamburg oder Rheinland starke Bremsspuren hinterließen, steuerten die Süddeutschen stoisch ihre Ziele an. Denn sie wissen aus Erfahrung: So miserabel kann dieser Winter gar nicht sein, daß es am Corvatsch, Zürsersee oder Steinbergkogel nichts zum Skifahren gäbe. Kleinere Abteilungen dieser Stämme stoßen auch immer weiter in den Westen vor. „Mit den französischen Skistationen haben wir heuer besonders gute Geschäfte gemacht“, verrät Max Oberhäuser von Sport-Scheck in München. „Im Preis-Leistungs-Vergleich liegt Frankreich jetzt vor der Schweiz. Allerdings haben die Schweizer den besseren Service. Doch das ist unserem Publikum nicht so wichtig.“
Die Franzosen, erfreut über die häufiger werdenden Besuche aus dem Nachbarland, geben sich redliche Mühe, über schwäbischen Sparwillen, bajuwarische Rauhbeinigkeit und den typisch teutonischen Arbeitseifer auf der Piste hinwegzusehen. Renner der laufenden Saison sind, wie gehabt, Val d’Isère und Tignes, Méribel und Les Menuires, La Plagne und Les Ares, mit einigem Abstand auch Alpe d’Huez und Les Deux-Alpes.
Was sagen die Schweizer dazu? „Das sind unsere Gäste niemals gewesen“, meint ein alter Hotelier in Mürren. „Aber den Engländern, denen weinen wir schon noch eine Träne nach, immer noch.“ Für die ausbleibenden Briten sollen nun die Italiener in die Bresche springen, die seit einigen Monaten immer zahlreicher ins Engadin und ins Wallis kommen. Und in Gstaad zeigt Direktor Paul Valentin stolz die Spanier vor, die neuerdings am Eggli und Wispillen ihre Stemmbögen drehen. Doch auch das ist durchzuhören: Die Briten brachten ihre Pfunde fast ein Jahrhundert lang in die Schweiz. Italiener und Spanier haben jetzt schon Probleme, die einen mit ihrer Währung, die anderen mit der Demokratie. Für die Eidgenossen also keine hinreichend solide Basis, um darauf Wechsel für die touristische Zukunft auszustellen. Innerhalb der kommenden sechs Wochen wird sich entscheiden, welches Prädikat der Winter 1975/76 endgültig verdient. Zunächst einmal geht von Graz bis Grenoble ein erleichtertes Aufatmen quer durch die Alpen: Es hat geschneit! Sogar aus dem Harz und der Rhön kommen die Meldungen mit Seltenheitswert: „Ski und Rödel gut!“ Und in den bayerischen Bergen waren die Schneefälle des letzten Januardrittels so ergiebig, daß man hier auch in niederen Lagen eine haltbare Unterlage erwartet. Oft sieht es da sogar besser aus als in exponierten Hochlagen, auf denen zeitweise orkanische Winde getobt haben. Da schauen die Steine aus den Pisten, daß es zum Erbarmen knirscht und kracht beim Drüberfahren. „Gut für uns“, schmunzelt einer aus der Ski-Industrie, der schon wieder die Umsätze der nächsten Saison im Auge hat.
Auch für Langläufer sind die Aussichten nicht schlecht. Die Technik der Loipenpräparierung hat sich mittlerweile so verbessert (sie beginnt jetzt schon im Sommer), daß die Laufspuren wesentlich wetterunempfindlicher geworden sind. Oberstdorfs stellvertretender Kurdirektor Walter Besler möchte angesichts der augenblicklichen Schneelage „fast garantieren“, daß einige seiner Loipen auch Ostern noch benutzt werden können.





