Von Elias Canetti

Zu den Worten, die während einiger Zeit in hilfloser Ermattung darniederlagen, die man mied und verheimlichte, durch deren Gebrauch man sich zum Gespött machte, die man so lange entleerte, bis sie verschrumpft und häßlich zur Warnung wurden, gehört „Dichter“. Wer sich auf die Tätigkeit, die wie immer weiterbestand, dennoch einließ, nannte sich „Jemand, der schreibt“.

Man hätte denken können, daß es darum ging, einen falschen Anspruch aufzugeben, neue Maßstäbe zu gewinnen, strenger zu werden, gegen sich, und besonders alles zu vermeiden, was zu nichtswürdigen Erfolgen führt. In Wirklichkeit geschah das Gegenteil; eben von denen, die auf das Wort „Dichter“ erbarmungslos losschlugen, wurden die Methoden, Aufsehen zu erregen, bewußt entwickelt und gesteigert. Die boshaftkleinliche Meinung, daß alle Literatur tot sei, wurde in pathetischen Worten als Proklamation gefaßt auf kostbares Papier gedruckt und so ernst und feierlich diskutiert, als handle es sich um ein komplexes, schwieriges Denkgebilde. Gewiß, dieser besondere Fall ersoff bald in seiner Lächerlichkeit, aber auch andere, die nicht steril genug waren, sich in einer Proklamation zu erschöpfen, die bittere und sehr begabte Bücher verfaßten, brachten es als „Jemand, der schreibt“ sehr bald zu Ansehen und taten nun, was früher Dichter zu tun pflegten: Statt zu verstummen, schrieben sie dasselbe Buch immer wieder. So verbesserungsunfähig und todeswürdig die Menschheit ihnen erschien, eine Funktion war ihr geblieben: ihnen zu applaudieren. Wer dazu keine Lust verspürte, wer die immerselben Ergüsse satt hatte, war doppelt verdammt: einmal als Mensch, damit war es schon nichts, und dann als einer, der sich weigerte, die endlose Sterbesucht dessen, der schrieb, als das einzige anzuerkennen, das überhaupt noch von Wert war.

Sie werden begreifen, daß ich angesichts solcher Phänomene denen, die nur schreiben, nicht weniger Mißtrauen entgegenbringe als denen, die sich auch weiterhin selbstgefällig Dichter nennen. Ich sehe keinen Unterschied zwischen ihnen, sie gleichen einander wie ein Ei dem andern, eine Geltung, die sie einmal erlangt haben, scheint ihnen ein verbrieftes Recht.

Denn in Wirklichkeit ist es so, daß heute niemand ein Dichter ist, der nicht ernsthaft an seinem Recht, es zu sein, zweifelt. Wer den Zustand der Welt, in der wir leben, nicht sieht, hat schwerlich etwas über sie zu sagen. Ihre Gefährdung, früher ein Hauptanliegen der Religionen, hat sich ins Diesseits verlagert. Ihr Untergang, mehr als einmal geprobt, wird von solchen, die keine Dichter sind, kühl ins Auge gefaßt, es gibt welche, die seine Chancen errechnen, einen Beruf daraus machen und darüber fetter und fetter werden. Seit wir unsere Prophezeiungen Maschinen anvertraut haben, haben Prophezeiungen jeden Wert verloren. Je mehr wir von uns abspalten, je mehr wir leblosen Instanzen anvertrauen, desto weniger sind wir Herren über das, was geschieht. Aus unserer wachsenden Macht über alles, Unbelebtes wie Belebtes und besonders über unseresgleichen, ist eine Gegenmacht geworden, die wir nur scheinbar kontrollieren. Hundert und tausend Dinge wären darüber zu sagen, aber es ist alles bekannt, das ist das Sonderbarste daran, es ist in jeder Einzelheit zur täglichen Zeitungsnotiz, zur verruchten Banalität geworden. Sie werden von mir nicht erwarten, daß ich es alles wiederhole, ich habe mir heute etwas anderes, etwas Bescheideneres vorgenommen.

Vielleicht ist es der Mühe wert, darüber nachzudenken, ob es in dieser Situation der Erde etwas gibt, wodurch Dichter, oder was man bisher dafür hielt, sich nützlich machen könnten. Immerhin ist, trotz aller Schicksalsschläge, die das Wort für sie zu erdulden hatte, etwas von seinem Anspruch geblieben. Literatur mag sein, was sie will, sie ist eines nicht, sowenig wie die Menschheit, die noch an ihr festhält: Sie ist nicht tot. Worin müßte das Leben dessen bestehen, der sie heute vertritt, was sollte er zu bieten haben?

Durch Zufall bin ich kürzlich auf die Aufzeichnung eines anonymen Autors gestoßen, dessen Namen ich schon darum nicht nennen kann, weil niemand ihn kennt. Sie trägt das Datum: 23. August 1939, das war eine Woche vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, und lautet: „Es ist aber alles vorüber. Wäre ich wirklich ein Dichter, ich müßte den Krieg verhindern können.“