Von Thomas v. Randow

Vor einer merkwürdigen, ortsspezifischen Berufskrankheit soll, wie die „New York Times“ meldet, der amerikanische Botschafter in Moskau unlängst das Personal seiner Behörde gewarnt haben. Unter dem Siegel der Verschwiegenheit habe er seinen Mitarbeitern mitgeteilt, daß sie von Mikrowellen bestrahlt würden. Grund für diese neuartige Umweltbelastung sei eine raffinierte Technik, mit der die Sowjets die im Botschaftsgebäude installierten Minispione mit elektrischem Strom versorgen. Mikrowellenbestrahlung aber sei keineswegs harmlos, soll der Diplomat weiter ausgeführt haben, weshalb er es als seine Pflicht erachte, alle Betroffenen zu informieren.

„Wanzen“, wie die mikrominiaturisierten Sender genannt werden, die das KGB in allen ausländischen Vertretungen eingebaut hat, um Gespräche abzuhören, benötigen Energie. Und in der Tat ist es; möglich, mit Hilfe von starken Radiosendern, die Wellen äußerst hoher Frequenz abstrahlen, genug Energie drahtlos zu übertragen, um aufladbare Batterien von solchen Minispionen wieder frisch zu machen. Diese Mikrowellen sollen in der US-Botschaft gemessen worden sein.

Mikrowellen sind in hinreichenden Dosen keineswegs harmlos. Denn sie zerstören Strukturen in den Körperzellen. Augenschäden zum Beispiel können die Folge sein. Deshalb müssen Radargeräte, die diese Wellen ausstrahlen, und Mikrowellenherde für Haushalte mit besonderen Vorrichtungen versehen sein, damit nicht gefährliche Mengen der Strahlung die Menschen gefährden, die solche Geräte bedienen. Als ungefährlich hat bisher eine Strahlungsdichte von 10 Milliwatt pro Quadratzentimeter gegolten.

Doch aus Durham im US-Staat North Carolina kommt jetzt die Nachricht, daß schon die Hälfte der bisher als sicher geltenden Dosis Schaden anrichten kann. Dort haben Professor Andrew Huang und seine Mitarbeiter an der Duke Universität Hamsterzellen mit Mikrowellen bestrahlt, um zu erfahren, bei welcher Strahlungsdichte Chromosomenschäden auftreten. Zwar waren diese nicht zu entdecken gewesen, wohl aber ergab sich, daß bei einer Strahlungsdosis von nur fünf Milliwatt pro Quadratzentimeter, zwei Veränderungen an weißen Blutkörperchen stattfanden. Diese Leukozyten, die im Körper für die Abwehr von Krankheitskeimen sorgen, antworteten nach der Bestrahlung nur noch unvollkommen mit einer Immunreaktion, wenn man sie mit körperfremden Substanzen dazu anreizte. Außerdem hatten sie sich als Folge der Mikrowellenbehandlung ungewöhnlich vergrößert.

Diese Befunde hält der amerikanische Gelehrte, der die Untersuchung im Auftrag der US-Umweltschutzbehörde ausführt, für ,,höchst alarmierend und Grund genug, äußerst vorsichtig im Umgang mit Mikrowellenstrahlern zu sein“. Das Bedienungspersonal von Radaranlagen zum Beispiel erhält mehr Bestrahlung als in dem Experiment verwendet wurde.

Wie groß die Strahlungsdichte in der Moskauer US-Botschaft ist, wurde nicht bekannt. Immerhin war Botschafter Walter Stoessel gut beraten, sein Personal zu warnen. Ob allerdings die Erklärung, daß die Sowjets mit den Wellen ihre elektronischen Lauscher betreiben, zutrifft, bleibt zu fragen. Wer schon die Möglichkeit hat, heimlich kleine Apparate in die Zimmerwände eines Gebäudes einzubauen, der kann wahrscheinlich ohne Mühe auch noch ein paar Drähte unter Putz legen, die die Minisender mit dem Lichtnetz verbinden. Würden die Geräte von einem zentralen Mikrowellenempfänger mit Strom versorgt, so müßten sie ohnehin damit verdrahtet werden. Andernfalls müßte jede einzelne Wanze in dem Botschaftshaus mit einem scharf gebündelten Mikrowellenstrahl anvisiert werden. Solche Strahlen aber kann man mit verhältnismäßig einfachen Mitteln verfolgen. Sie würden also den Weg zu den versteckten Lauschern weisen.