Kein neuer Morgen
Gerhard Roths Roman
Von Jörg Drews
Gerhard Roths letzter Roman „Der große Horizont“ scheint mir noch heute das erste Buch des vierunddreißigjährigen Grazer Autors zu sein, bei dem man das Gefühl haben könnte, hier sei ein Autor bei seinen besten Möglichkeiten angelangt. Schon vorher, in dem Roman „die autobiographie des albert einstein“ und in den Kurzromanen „Künstel“ und „Der Wille zur Krankheit“ hatte Roth gezeigt, daß er Bewußtseinszustände, die an der Grenze der Schizophrenie liegen und schließlich in sie umkippen, mit sparsamen Mitteln und mit einem für den Leser faszinierend irritierenden Sog darstellen konnte. Das waren mehr als nur die üblichen „Talentproben“ eines jungen Schriftstellers, es waren raffinierte Recherchen in Grenzgebieten des Bewußtseins, wo die Anfänge paranoider Deformation die Welt verzerren. Das Ergebnis waren Texte, in denen die Registratur der defekten Wahrnehmung, der zerfallenden Verknüpfung von Einzelerfahrungen, der deplacierten Affekte umschlug in etwas, was man fast autonome Prosa nennen könnte, Prosa von ebenso beunruhigender wie bestechender Schönheit.
Konnte man bei diesen frühen Büchern Roths noch einschränkend darauf hinweisen, daß die Thematik von wahnhaftem Bewußtsein und von kommunikationsloser Isolierung eines Individuums literarisch doch sehr nahe bei Oswald Wiener. Verbesserung von Mitteleuropa“) oder Konrad Bayer („Der sechste Sinn“) angesiedelt seien, so zeigte der Roman „Der große Horizont“ (1974) einen Roth, der das Thema Schizophrenie verlassen hatte und seinen Helden nicht mehr immer auswegloser in spiralförmiger Bewegung auf ein katastrophales Ende hinabtreiben läßt. Daniel Haid, die Hauptfigur dieses Romans, ist ein armer Hund, zur Hypochondrie neigend, verunsichert durch die Trennung von seiner Frau und präokkupiert von seiner Innenwelt; gedankenspielerisch-tagträumerisch nach einer Identität suchend, fährt er einige Wochen durch Amerika, eigentlich unfähig, wirklich menschliche Erfahrungen zu machen, leicht, lächerlich in seiner; sanften Paranoia, die ihn vor eingebildeten Gefahren fliehen läßt, bis sich ihm am Ende leise und vorsichtig doch ein größerer Horizont zu eröffnen scheint und er das Gefühl hat, eine nicht mehr ganz so bedrohte Identität zu erreichen.
Bei seinem neuen Buch –
Gerhard Roth: „Ein neuer Morgen“, Roman; Suhrkamp Verlag, Frankfurt, 1976; 184 S., 20,– DM
muß dem Autor so etwas vorgeschwebt haben wie ein Gegenstück zum „Großen Horizont“. Schon der Beruf seiner Hauptfigur – Friedrich Weininger – deutet darauf hin: Weininger ist Photograph, aus Europa nach New York gekommen; um einen Photoband zusammenzustellen, also nicht um – wie Daniel Haid – eine komplizierte Innenwelt in das Land, in die Stadt hineinzutragen, sondern um die Außenwelt Amerikas mit dem Kameraauge zu erfassen. Die Schwierigkeiten mit dem Buch beginnen nun, wenn man versucht, das Treiben Weiningers zu rekapitulieren. Denn man könnte sich vorstellen, und man könnte das vielleicht auch erzählen, daß einer nach New York kommt, nicht um die üblichen großformatigen und bunten Sensationsphotos zu machen, sondern um die Kamera neu sehen zu lassen, um durch die Kamera das Zufällige, das Beiläufige, das Alltäglich-Unsensationelle aufzunehmen. Aber was passiert? Weininger geht und fährt durch New York, er ist in Harlem und Chinatown, besucht den Night Court und macht eine Schiffsrundfahrt um Manhattan, In Roths Beschreibung aber wird – von ganz wenigen Seiten abgesehen – aus dem Beiläufigen das Spannungslos-Belanglose, denn in der Erzählung dessen, was Weininger sieht und Photographien, tritt nichts an Neuem hervor, keine Schärfung des Blicks für das Detail, keine Entdeckung des irgendwie Bedeutsamen im Bedeutungslosen, kein überraschender Blick auf das hundertmal oder noch nie Photographien.
„Weininger leitete nichts von diesen Bildern ab“ – man versteht schon, wogegen ein solcher Satz über Weiningers Photo-Philosophie sich wendet: gegen die bedeutungsträchtige, direkte Art des bildlichen Zugriffs auf New York, gegen die Photographien, in deren Begleittext dann verbal verdoppelt wird, was die Bilder schon knallig an bekannten Amerika-Stereotypen enthalten. Doch von dem, was Roth als Bilder Weiningers beschreibt oder als seine Beobachtungen in New York berichtet, ist in der Tat und im schlechten Sinn nichts abzuleiten, weil alles in Belanglosigkeiten zerbröckelt. Beobachtungen und Bilder werden mitgeteilt, als seien sie schon was um ihrer selbst willen. Sie sind aber nichts, sie zeigen weder ein neues Sehen noch ein neues Beschreiben.



