Sei kein Genie!

Von Petra Kipphoff

Er habe ihren Geburtstag nicht allein feiern wollen, schrieb Heinrich Christian Boie aus Meldorf an seine Braut Luise Mejer in Celle, und er habe deshalb mit dem Aktuar Krück eine Flasche Rheinwein geöffnet und dann, „um den Abend auch für ihn feierlicher zu machen“, Vossens „Idylle“ vorgelesen, die der Aktuar „ganz fühlte und mit Tränen anhörte“. Heinrich Christian Boie, seit 1781 Landvogt von Süderdithmarschen, las vor, was ihm nah war. Bevor er zu kleinstädtischem Amt und Ehren gelangt war, hatte er sich einen Namen gemacht als Mitglied der schwärmerischen Jungdichterrunde des Göttinger „Hain“, als Herausgeber und Übersetzer, als Gründer des „Musenalmanachs“ (1770) schließlich, des ersten Literaturkalenders in Deutschland. Boie war zu der Zeit selbst noch Student und der „Musenalmanach“ die Publikation, in der sich der „Fortgang der deutschen Poesie“ jährlich frisch widerspiegelte. Neben anderen reimenden und schreibenden Zeit- und Altersgenossen hatte Boie –, der realistisch genug war, sein eigenes Poetentalent nicht zu hoch anzusetzen –, auch den mittellosen Studenten Johann Heinrich Voß gefördert, dem er in Göttingen zunächst dabei behilflich war, Kollegiengeldspender und einen Freitisch zu finden, und dem er später, von 1774 an, die Redaktion des „Musenalmanachs“ überließ. Für Voß bedeuteten das 150 jährliche Reichsthaler und damit die Chance, bei der Frau Pastorenwitwe Boie in Flensburg um die Hand seiner Ernestine, Boies Schwester, anzuhalten. Inzwischen aber, zur Zeit also etwa des mit Rheinwein und Rezitation gefeierten Geburtstags seiner zukünftigen Schwägerin, war Voß der mit und neben Klopstock populärste Dichter im Lande und berühmt und beliebt genug, um die Leute und den Aktuar Krück zu Tränen zu bringen (wodurch sich seine finanzielle Situation freilich nicht sehr verbessert hatte).

Wie sich die Tränen ändern: Die Lektüre der „Idyllen“ von Voß können den Leser von heute wohl eher zu Lachtränen als zu Rührtränen bringen: weil, egal ob es sich um anklagend sozialkritisch gestimmte Stücke handelt (wie bei den „Leibeigenen“) oder um traulich beschauliche (wie bei der „Luise“ oder dem „Siebzigsten Geburtstag“), die Diskrepanz zwischen den deutschen Zuständen, die Voß am Herzen liegen, und den griechischen Hexametern, auf die er seine Seele gestimmt hat und die ihm aus der Feder fließen, jenes Ausmaß erreicht, die Heiterkeit provoziert, zumindest bei den Nachgeborenen.

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Tränen können, wenn denn schon geschluchzt werden soll, dem Leser von heute viel eher kommen, wenn er die schriftstellerische Nebenproduktion der Voßschen Verwandschaft liest: eben den Briefwechsel von Heinrich Christian Boie und Luise Mejer, der 1961 zum erstenmal als Buch herauskam und seitdem schon mehrfach neu aufgelegt wurde. Die Warmherzigkeit und Disziplin, mit der hier zwei nicht mehr ganz jugendliche Liebende einander begegnen, die Frische des zwischen Literaturdebatte und Haushaltsklatsch sich entfaltenden Genrebildes machen diesen Briefband zu einer Lektüre, die ganz spontane Anteilnahme auslöst. Und wenn man liest, wie Boie, ein Jahr nach der glücklichen Vermählung, den Vossens das Sterben seiner Luise bei der Geburt des ersten Kindes beschreibt (dasselbe Schicksal hatte Klopstock und Meta Moller, Lessing und Eva König getrennt), dann ist dieses Stück vergangener Realität dem Leser näher als die vergangenen Versuche, Realität durch Dichtung zu überhöhen.

Derselbe Verlag, der den Briefwechsel Boie/Mejer herausgebracht hat, legt jetzt eine Auswahl der Episteln des berühmten Schwagers vor –

Johann Heinrich Voß: „Briefe an Goeckingk (1775–1786)“, herausgegeben von Gerhard Hay; Verlag C. H. Beck, München, 1976; 206 S., 26,– DM.

Als Voß von Boie 1774 den „Musenalmanach“ übernahm, da waren die 150 Reichsthaler zwar genug, um die Schwiegermutter in spe zu einer Schwiegermutter machen zu können, aber leben konnte man davon nicht einmal allein. Voß gedachte seine Situation dadurch zu verbessern, daß er den Almanach 1776 im Selbstverlag herausbrachte, ein Unternehmen, das aber zum Fiasko wurde, weil der verlassene Verleger seinerseits den Almanach weiterführte, und zwar mit dem Kanzleidirektor und Sinngedichtschreiber Leopold Friedrich Goeckingk als Herausgeber.

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  • Quelle DIE ZEIT, 9.4.1976 Nr. 16
  • Schlagworte Thomas Mann | Elbe | Flensburg | München
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