Thrillerschreiben als Hobby
Aber leben können die meisten davon nicht Von Jürgen Holm
kaum mehr als 3000 Mark gezahlt. Und normalerweise gehen mindestens drei Monate drauf, wenn man Kladde, Revision und Reinschrift berechnet. Hinzu kommt noch das gar nicht lustige, sondern eher lästige Lesen der Korrekturfahnen, was im Preis Inbegriffen ist.
Außer seinem Filmauftritt bekommt Martin in diesen Tagen ein neues Erfolgserlebnis: „Sleeping Girls dont lie" erscheint als Buch, nicht als „Pocket", sondern als „Hardcover", als richtig gebundenes Buch. Es handelt sich um „Kein Schnaps für Tamara". Der New Yorker Verlag heißt St, Martin. Hansjörg Martin weist lächelnd darauf hin, daß er mit diesem Heiligen weder verwandt noch verschwägert ist. Möge er ihm dennoch Glück bringen.
Denn in seiner Situation wird symptomatisch, was deutschen Krimi Autoren blüht, wenn sie sich ausschließlich auf ihr Fach- und Wunschgebiet spezialisieren. Martin kennt sich auf dem Markt aus. Von seinen Büchern — vierzehn Romane und zwei Bände mit Kurzgeschichten — wurden 750 000 Exemplare verkauft. Die Übersetzungen — der Hauptmarkt sind da natürlich die USA — gingen aber auch ins Französische, ins Finnische, ins Holländische, ins Rumänische und in die CSSR. Als er in die CSSR einreisen wollte, um, wie er sagt, seine Tantiemen zu verfressen", die er nicht in die Bundesrepublik überwiesen bekommt, hielt ihn ein Beamter an, kontrollierte Gepäck und Druckerzeugnisse und stellte fest, daß er vier von Martins in die Landessprache übersetzte Krimis schon kannte. Das fünfte konfiszierte er mit dem harschen Befehl: „Autogramm!" Damit waren alle Grenzformalitäten erledigt. . Doch trotz dieser vielfachen. Aktivitäten kann ein so pausenlos schaffender Mann nicht Haus und Familie erhalten. Vorabdrucke im stern und in der Hör zu halfen zwar weiter, aber Filmdrehbücher, Hörfunk und Kinderbücher mußten noch dazukommen, um die Sache rundzumachen. Vom Krimi allein kann auch Irene Rodrian licht leben. Die charmante Münchnerin befindet lieh ebenfalls im „Stall" des rororo thriller Hertusgebers Richard K. Flesch, der sich um den mspruchsvollen deutschen Krimi höchst verdient femacht hat. Der temperamentvolle Hesse geht mit seinen Autoren jedes Buch sorgfältig durch, glättet stilistisch und steuert hier und da auch einmal einen Zusatz Gag bei.
Irene Rodrians Manuskripte „stimmen" jedoch meist auf Anhieb, ob sie nun in der Nähe ihrer Wohnung („Die netten Mörder von Schwabing") oder auf der Mittelmeerinsel Formentera spielen („Finderlohn"), wo sie einen zweiten Wohnsitz lat. Dort schrieb sie auch den Krimi aus einem ganz anderen Milieu, nämlich aus der Hamburger Unterwelt, den „Tod auf St. Pauli", der ihr 967 den Edgar Wallace Preis einbrachte, der damals von Verleger Wilhelm Goldmann gestiftet wurde.
Frau Rodrian, Jahrgang 1937, spricht ironisch Tom „Dichten", wenn sie an einem Krimi arbeitet, womit sie andeuten will, daß so etwas kaum mehr einbringt als ein lyrisches Gedicht. Deshalb arbeitet sie für Rundfunk und Fernsehen und schreibt außerdem Kinderbücher.
Zu den erfolgreichen Krimi Autoren gehört such L. A. Fortride (ein Pseudonym, das die Autorin nicht gelüftet haben möchte). Sie war Dolmetscherin, Sekretärin und Korrespondentin, bevor sie sich ganz der Schriftstellern zuwandte. Ihr Durchbruch kam 1963 mit „Die Wohnung gegenüber", ebenfalls mit dem EdgarVallace Preis ausgezeichnet. Im Gegensatz zu Irene Rodrian blieb sei bei Goldmann.
Außer Frau Rodrian gibt es noch einen anderen „Überläufer" von Goldmann zu Rowohlt: Thomas Andresen. Er hat keine ExistenzproHeme; denn im Hauptberuf ist er Internist und Oberarzt in Flensburg. Sem Vater war in seiner Geburtsstadt — er ist Jahrgang 1934 — einmal Oberbürgermeister. Nachdem er zunächst vier Semester Philologie studiert hatte, sattelte er auf Medizin um und promovierte 1963 in Hamburg. Nebenbei hatte er schon zwei Kriminalromane unter Pseudonym geschrieben. Er meint, daß ein laternist mit einem Detektiv viel gemeinsam hat, veil es auch für den Arzt gilt, geheime Tatbestände im Innern des Patienten aufzudecken. Und wie findet er die Zeit zum Schreiben? Er hat gelegentlich 48 Stunden Bereitschafts- und Nachtdienst. Da verzichtet er aufs Fernsehen und arbeitet zwischen 21 und 23 Uhr, was, wie er meint, seine produktivste (und die zugleich im Krankenhaus ruhigste) Zeit ist. Und ein PartyMuffel ist er außerdem.
- Datum 30.04.1976 - 07:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 30.4.1976 Nr. 19
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