Schriftsteller in Heines GeburtsstadtSeite 2/2
Die Mehrheit der Versammelten: Das Problem des PEN ist, daß er einerseits nur greifbar wird, als Korporation nur erfahrbar in seinen Jahresversammlungen. Und daß andererseits eben diese Jahresversammlungen weder die Meinung der Mehrzahl der Mitglieder noch deren Berufsstand angemessen widerspiegeln. Denn von den fast fünfhundert Mitgliedern reist (übrigens auf eigene Kosten) allenfalls der fünfte oder vierte Teil an, und daß ausgerechnet diese hundertdreißig es seien (so viele nämlich waren es in Düsseldorf), die das Ganze repräsentierten, werden weder die Anwesenden noch die Fehlenden behaupten wollen. In einer politisierten und durch Politik polarisierten Gesellschaft kann der PEN weder Turm weitabgewandter Beschaulichkeit noch Insel poetischer Idyllik sein – das wäre seine Widerlegung und also sein Ende. Es geht nicht darum, das politische Element zu eliminieren, da es doch ein entscheidendes Element der vom Schriftsteller zu erfassenden Wirklichkeit ist; sondern es geht um die Form, in der auch der PEN teil hat an der Politik. Die Gefahr, er könne zur Tribüne ideologischer Manifeste und zur Bühne pathetischer Politkomödien werden, war groß. Wenn nicht alles täuscht, ist diese Gefahr gebannt oder aber doch geringer geworden.
Es gab also auch in Düsseldorf Anträge, gab heftige Auftritte politischen Glaubenskampfes, und es offenbarte sich ein gelegentlich dramatisches Mißtrauen gegenüber dem Staat und seiner Exekutive. Auch solche Zweifel wachzuhalten oder aber zu wecken sind Schriftsteller da. Viel war von dem für diesen Berufsstand schlechthin zentralen Problem der Meinungsfreiheit, der Zensur, den politischen und ökonomischen Pressionen die Rede, und mit großer Mehrheit schloß die Versammlung sich einer ergänzten Resolution des Schriftstellerverbandes (VS) gegen den neu ins Strafgesetz eingefügten und als überflüssig und mißbrauchbar charakterisierten Paragraphen 88 a an, der (seit – ausgerechnet! – dem 1. Mai) auf beklemmend unklare Weise unter Strafe stellt, was immer schon strafbar war: die Aufforderung zur Gewalttat.
Im übrigen verblüffte wiederum die offenbar ungebrochene Gläubigkeit mancher Schriftsteller in Wirkung und Sinn von Protestkundgaben und politischen Resolutionen. Deren inflatorische Produktion hat doch längst dafür gesorgt, daß sie ungehört aushallen und sich durch sich selbst entwerten zu bloßen Aktenvorgängen, also zu Makulatur.
IV.
Aber auch die Literatur kam, wenn nicht zu Worte, so doch zu Worten. Ein öffentliches Podiumsgespräch, scharfsinnig eingeleitet und milde geleitet durch Walter Jens, umspielte das freilich sehr knetbare Thema „Autor – Kritiker – Leser“. Die Teilnehmer Joachim Kaiser, Heiner Kipphardt und Fritz J. Raddatz versuchten, in nachdenklichen und gescheiten Überlegungen (hier einmal Lessing, da einmal Heine und auch Brecht und auch Münchhausen), dem Gegenstande und ihrer gleichfalls mitredenden Kollegin Hilde Domin gerecht zu werden. Sie hätten so viele Zuhörer verdient wie der Saal sie vorsah: tausend nämlich oder mehr. Gekommen waren vielleicht zweihundert. Ist die Problemlage allzu verschiedenartig, das Wasser doch tiefer als gedacht?
V.
Im übrigen hat sich das PEN-Zentrum der Bundesrepublik ein neues Präsidium gewählt. Walter Jens wurde Präsident, Martin Gregor-Dellin Generalsekretär, Gerd E. Hoffmann Schatzmeister. Vizepräsidenten wurden Gert Kalow, Horst Krüger und Hans Schwab-Felisch, und Beiräte Ingeborg Drewitz, Bernd Engelmann, Ulrich Sonnemann, Thaddäus Troll und Peter Wapnewski. Unmittelbar nach der Wahl nahm die neue Crew ihre Arbeit auf, und mit pragmatischer Präzision dirigierten Jens und Gregor-Dellin, erfahren in den ungezählten Geschäften der Geschäftsordnung und ihrer Debatten, die Versammlung.
Möge das neue Präsidium so viel Glück haben, wie es verdient – denn auch Glück wird es brauchen, um den Schriftstellern in diesem Lande eine ihnen wie der PEN-Charta angemessene Vertretung zu geben. Dazu gehört wohl auch die Konzentration auf das Thema der gemeinsamen und alle verbindenden Arbeit: auf unser Thema Literatur.



