Bevor ich Rita Wilden besuchte, fragte ich Freunde, was ihnen zu Rita Wilden einfalle, und woran sie dächten, wenn sie ihren Namen hörten. Es fiel ihnen nichts ein, außer, daß Rita Wilden in München die Silbermedaille über 400 Meter gewonnen hatte, und daß ihr Lauf so leicht und mühelos aussehe, als strenge er sie überhaupt nicht an, und man denke, sie könne immer noch ein wenig schneller sein, als sie gerade liefe.

Rita Wilden lief barfuß über den Rasen des Curt-Riess-Stadions in Leverkusen. Zwei Stunden Training lagen hinter ihr. Es schien, als könne sie immerfort so weiterlaufen, weil sich ein Schritt gleichsam aus dem anderen ergab, so daß ihr Lauf nicht wie eine Kette kleiner Schritte wirkte, sondern wie eine einzige große, runde Bewegung. So leicht sah das aus. Die Füße wippten über den Boden, und das Wippen setzte sich aufwärts durch ihre Gestalt über Kniekehlen, Oberschenkel bis zu den Schultern und dem Nacken fort.

Mir fiel noch immer nichts über Rita Wilden ein. Gewiß, „verunglückte“ Sprinterin. Über Jahre nur mäßig erfolgreich auf zu kurzen Strecken über 100 und 200 Meter. Dann 400-Meter-Läuferin wider Willen. Schließlich Silbermedaille in München 1972. 50.88 Sekunden in Rom und damit Dritte der Europameisterschaft 1974. Und sonst?

Rita Wilden rief: „Ich zieh’ mich nur noch eben um.“ Und als sie umgezogen war, sagte sie: „Wir können uns ruhig ins Gras setzen. Ich habe ja Jeans an.“

„Mir fällt nichts zu ihnen ein“, sagte ich. „Nur Zeiten und Titel, und daß ihr Lauf so aussieht, als müßten es noch viel mehr Titel und noch bessere Zeiten sein.“

Das amüsierte sie. „Vielleicht bin ich nicht so ein Typ, der in den Zeitungen steht“, sagte sie und blinzelte.

„Oft ist es doch so, daß die Menschen am Leben erfolgreicher Sportler teilhaben wollen, aber von ihrem Leben weiß man gar nichts und liest auch nichts.“