Von Benjamin Henrichs

Das Ende hat man ihnen schon oft vorhergesagt – schon bevor sie mit ihrer Arbeit angefangen hatten. Als eine Gruppe von Schauspielschülern der Otto-Falckenberg-Schule in München Ende 1971 beschloß, nach dem Studium nicht die übliche Theaterkarriere zu versuchen, sich nicht einzeln an irgendwelche Stadttheater wegengagieren zu lassen, sondern Zusammenzubleiben und eine eigene Theatergruppe zu gründen, da erhoben die sogenannten Theaterpraktiker, die ewig Mut- und Phantasielosen, ihre Stimme und meinten, ein solcher Versuch könne niemals gelingen; und aus dem Wörterbuch des Pragmatikers holten sie sich die geeigneten Vokabeln, sprachen von „Naivität“, „Idealismus“, „Utopie“,

Heute, viereinhalb Jahre später, ist das Münchner Kollektiv „Rote Rübe“ die erfolgreichste freie Theatergruppe in der Bundesrepublik; trotz (oder vielleicht auch wegen) politischer Repressalien (das Goethe-Institut verweigerte der Gruppe finanzielle Zuschüsse zu ihren Auslandsreisen, Zuschüsse, die es sonst freigebig gewährt); trotz einer städtischen Subventionspolitik, die mehr als ein Almosen bisher nicht geben wollte. Eine heroische Geschichte, ein Theatermärchen? Sicher nicht. Sondern ein immer mühevoller, von Rückschlägen (und Tiefschlägen) begleiteter Versuch, zu überleben.

Was wollten die Schauspielschüler, die ihre Lehrer in Verwirrung, Ihre Schule in Aufruhr brachten (vor allem, als sie sich weigerten, den herbeigeeilten Intendanten zum Zwecke des Engagements vorzusprechen)? Dreierlei: den Beweis erbringen, daß man auch außerhalb der hochsubventionierten, hochbürokratisierten Apparate überleben kann; zeigen, daß eine Gruppe auch wirklich als Gruppe arbeiten kann, nicht (wie Fassbinders antiteater) auf das Genie und den Despotismus eines großen Einzelnen angewiesen ist; versuchen, ein immer wieder totgesagtes Genre (das politische Theater) zu einer lebendigen, lustigen Kunstform zu machen. Alle drei Vorhaben sind der „Roten Rübe“ geglückt – natürlich nicht immer, nicht immer gleichzeitig.

Die Geschichte der „Roten Rübe“ begann mit einem Fiasko – mit einer szenischen Collage namens „Prometheus“, die genauso aussah, wie man sich Abschlußarbeiten von Schauspielschülern vorstellt: Deklamieren, Turnen, Schweiß auf der Stirn. Daß man den Prometheus-Mythos sozialistisch neuinterpretiert hatte, ging im feierlichen Theatergetue, in einer wunderlichen Mischung aus Gymnasialtheater-Pathos und La-Mama-Ekstasen völlig verloren.

Beim nächsten Projekt wurden die „Rüben“-Männer entmachtet, zu technischen und organisatorischen Hilfskräften degradiert. Die fünf Mädchen der Gruppe schrieben, inszenierten und spielten die Revue „Frauenpower“ – und entdeckten, eher zufällig, einen neuen Theaterstil. Mit kalkweiß geschminkten Gesichtern, ins Riesenhafte vergrößerten (pathetischen oder grotesken) Gebärden führten sie ein paar kurze, grelle, vorsätzlich undifferenzierte Szenen gegen den Abtreibungsparagraphen vor – und weil zu ihrer öffentlichen Wut gegen die Herren Politiker eine sehr private Wut (gegen die Herren Vorsitzenden im eigenen Kollektiv) hinzukam, wurde „Frauenpower“ eine höchst leidenschaftliche und theatralische Veranstaltung – ganz weit weg von den meist hölzernen, gemütvollen, nur notdürftig theatralischen Spielweisen der anderen Straßentheater- und Agitprop-Gruppen.

Man fand einen Stil; aber nicht, weil man einen Stil finden wollte, sondern weil man mit äußeren Mißlichkeiten fertig werden mußte. Da man das Stück auch auf Marktplätzen, in Turnhallen, in Kneipen vorführen wollte, verbat sich jeder Ehrgeiz nach Differenzierung. Man wollte verstanden werden: Also nahm man die Dialoge und die Songs auf Tonband auf und agierte dann zum Playback. Und man wollte gesehen werden: also vereinfachte und vergrößerte man die Gesten zu feierlichen, horrorhaften, comichaften Stereotypen. Aus der Unmöglichkeit, subtil zu sein, zog man den einzig richtigen, radikalen Schluß: konsequent zu übertreiben. Weil das Straßentheater unfähig ist zu einer komplizierten intellektuellen Argumentation, setzte man auf die Emotion – auf die eigene und die des Zuschauers. Für das Straßentheater in Deutschland, das bis dahin vor allem versucht hatte, sozialistische Leitartikel in volkstümelnde Spielszenen zu übersetzen, war die „Rote Rübe“ eine Sensation und ein Schrecken: So viel Professionalität und so viel Aggressivität hatte es auf der amateurhaft-betulichen linken Theaterszene vorher nicht gegeben.