Aufregung um den neuen Präsidenten der FU Berlin Der Vorwurf heißt: Volksfront-Mann

Zur Wahl von Eberhard Lämmert

An der Freien Universität Berlin ist am 22. Juni eine Wahlentscheidung gefallen, die die Gemüter noch lange beschäftigen wird. Entgegen dem allgemeinen eher konservativen Trend auch an den Hochschulen ist der neue Präsident der Freien Universität, der Heidelberger Germanist Professor Eberhard Lämmert, von einem Mitte Links Bündnis gewählt worden. Diese Entscheidung kam deshalb so überraschend und für die Konservativen wie ein Schock, weil der 1969 von den Linken und Linksliberalen gewählte erste Universitätspräsident Rolf Kreibich 1974 bei der Wahl der vier Vizepräsidenten von einem Bündnis der Mitte und der Konservativen eingegrenzt worden war. Die Öffentlichkeit und vor allem die Liberale Aktion (die Organisation der rechten Mitte und der Konservativen) hatten daher fest mit einer Wiederholung dieses Bündnisses gerechnet, das seit 1974 eine erfolgreiche Konsolidierungspolitik gegenüber marxistischen und kommunistischen Tendenzen betrieben hatte. ;.

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Daß es nicht zu dieser Wiederholung des alten Bündnisses kam, lag vor allem an taktischen Fehlern der einen und taktischer Geschicklichkeit der anderen Seite. Bereits im Winter hatte sich die Liberale Aktion auf den Erziehungswissenschaftler Professor Siegfried Baske als Präsidentschaftskandidaten festgelegt und deutlich den Anspruch formuliert, als Vertreter von etwa 70 Prozent der Professoren und 35 Prozent der Assistenten an der FU diese Mal den Präsidenten stellen zu wollen. Baske gilt jedoch als ein Mann, der sich eng an die Meinungsbildung der ihn stützenden Gruppen hält und damit in den Augen der SPD nahen Reformsozialisten für das Präsidentenamt nicht unabhängig und beweglich genug ist. Zum anderen hielt die Mittelfraktion um die Reformsozialisten des nahezu viertelparitätisch mit Professoren, Assistenten, Studenten und Dienstkräften besetzten Konzils die Zeit für gekommen, die politischen Kontroversen an der FU abklingen zu lassen und es mit einer Integrationspolitik zu versuchen, die von den linksliberälen Kreisen der linken Fraktion bis zu der Liberalen Aktion reichen sollte. Diese Integrationspolitik sollte jetzt mit der Präsidentenwahl und im Wintersemester mit der Vizepräsidentenwahl begründet werden. Weder die Liberale Aktion, die eine solche Integration für verfrüht und die bisherige Konsolidierungspolitik für gefährdet hält, wollte dieses Konzept annehmen, noch die linke Fraktion. Diese hatte es zum vorrangigen Ziel erklärt, auf jeden Fall eine Wiederholung des Mitte Rechts Bündnisses bei der Präsidentenwahl zu verhindern. Und das ist ihr auch gelungen, indem sie mit Professor Lämmert wohl den einzigen Kandidaten fand, der auch für die SPDnahen Reformsozialisten mit den Linken gemeinsam wählbar war.

Lämmert ist für die Linken kein Wunschkandidat, seine Nominierung schien bis zuletzt nicat gesichert. Vor allem die SEW nahen Aktionsgemeinschaften sprachen sich gegen ihn, den Liberalen, aus. Aber im Gegensatz zur Vizepräsidentenwahl von 1974, als diese SEW nahe Gruppe innerhalb der linken Fraktion das Sagen hatte und in der Fraktion ihren erfolglosen Provokationskandidaten durchsetzte, mußten sich dieses Mal die Aktionsgerneinschaften mit einer Minimalforderung zufriedengeben: einen Präsidenten zu bekommen, der nicht unbedingt gegen sie ist. Nach der Wahl hat die Mittelfraktion der SPD nahen Reförmsozialisten erklärt, daß sie keineswegs eine Koalition mit den Linken eingegangen sei und die bisherige Konsolidierungspolitik mit der Liberalen Aktion unter Lämmert fortseien wolle. Die Liberale Aktion mauert dagegen. Sie will in eine harte, aber konstruktive Opposition gehen und für Lämmert aus ihren Reihen keinen Vizepräsidenten stellen.

Die Wahl ist gelaufen: Von 157 Konzilsmitgliedern stimmten 84 für Lämmert, 70 für Baske. Für Lämmert kamen 62 Stimmen von der linken Fraktion, 22 von der Mktelfraktion. Drei Maoisten enthielten sich der Stimme.

Die Konservativen und die CDU reden von „Volksfront", vom „Volksfront Präsidenten", vom „Links Kartell", die SPD und der Berliner Senat begannen vor dem Abgeordnetenhaus Professor Lämmert zu verteidigen. Die Bestätigung durch den Senat hat Lämmert noch nicht, aber die Vorlage soll eingebracht werden. Noch laufen auch Wahlanfechtungen, und die Stimmzettel der Wahl sind unerklärlicherweise verschwunden. Gewählt ist Lämmert, Präsident ist er noch nicht.

 
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