Oper: Tals „Versuch ung

Tapfer, aber vergeblich

Seit Rolf Liebermann die Hamburger Oper verließ und mit seiner Ära ein Prinzip endete, seit also niemand in Deutschland mehr sonderlich daran interessiert ist, aus welchen Gründen und mit wieviel zählbarem Erfolg auch immer einem Komponisten einen Auftrag zu geben, sind Opern-Uraufführungen rar geworden. Und mit der Häufigkeit schwand offenbar jene Konkurrenz, die auch in diesem Geschäft den Zwang zur Qualität bedeutet. Eines der letzten Ergebnisse der vor Jahren ausgeschütteten Auftragshonorare kam jetzt an die Öffentlichkeit: In München wurde im Rahmen der diesjährigen Opernfestspiele »Die Versuchung" von Josef Tal uraufgeführt.

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Daß ein jeder von uns seine spezifischen physischen und psychischen Obsessionen besitzt und von ihnen nicht loskommt, wollen wir zwar nur zu selten eingestehen, ist aber wohl nicht zu bestreiten. Daß ein heute Sechsundsechzigjähriger, der einmal genau in den Jahren, da er seine Ausbildung hinter sich hatte und glaubte, mit der Arbeit anfangen zu können, vor den politischen Machthabern hatte fliehen müssen, der einen neuen Staat aufzubauen mithalf, auf eine neue Menschheit hoffte und immer wieder seine Enttäuschung verbergen muß, sich der belastenden Erfahrung auch nach vierzig Jahren noch nicht hat entledigen können, ist so leicht und doch so schwer vorstellbar. Daß er immer noch den Mut findet, mit Mahnungen und Warnungen einen Neuansatz zu suchen und zu versuchen, ehrt ihn gewiß. Daß seine Denkanstöße und programmatischen Forderungen ins Leere stoßen — nicht weil sie falsch wären, sondern weil wir uns ihnen und ihrem vermeintlichen Anachronismus entziehen —, das ist die Tragik des Josef Tal.

„Die Versuchung" erzählt (Libretto: Israel Eliraz) die Erfahrungen von sechs jungen Leuten, die aus der Sinnlosigkeit ihrer bisherigen Existenz in der Stadt ausbrechen wollen, auf den Berg gehen, dort ein Wesen treffen, das von der Zivilisation noch nicht, erreicht und verbildet wurde — und die diesen „Mann" zu sich in die Stadt holen, um eventuell mit seiner Hilfe, eine neue Ordnung zu errichten, eine Reform durchzuführen. Sie erteilen ihm Lektionen: über das Geld; über Gott und die Sünde; über die Macht; über die Liebe. Doch in der Stadt erhebt sich der Mann, teils aus eigener Kraft, teils von der blinden Masse geschoben, zum Diktator und pervertiert in zynischer Einschätzung seiner Möglichkeiten die erhaltenen Lehren (wie wir alle ja, sagt der Komponist, sie immer wieder pervertieren): Geld stiehlt man; Gott manipuliert man; Liebe heuchelt man; Macht mißbraucht man. Einer der Gruppe begeht angesichts des Erfolgs seiner Bemühungen rituellen Selbstmord, ein anderer landet im Irrenhaus. Der „Mann" aber verläßt die Stadt, angewidert von der Tatsache, daß seine Demagogie „funktioniert wie eine geölte Maschine". Die Rest-Gruppe zieht — unbelehrbar in ihrem Optimismus, oder auch unerschütterlich in ihrem Idealismus — erneut aus, um, auf die gleiche Weise, einen Ausweg zu suchen.

Ein Lehrstück also, und die historischen Realitätsbezüge zu offenen und, schlimmer noch, versteckten Diktaturen liegen auf der Hand. Aber Tals erhobener Zeigefinger kommt in diesem Mo-V ment denkbar ungünstig. Gescheiterte Reformvorhaben besitzen wir im Augenblick zur Genüge, politische und moralische Müdigkeiten haben uns zusätzlich frustriert — wenn wir uns schon Sorgen machen, dann andere als die hier plakatierten.

Tals Oper läuft aber ins Abseits vor allem durch ihre Musik: ein außergewöhnlich blasses und spannungsloses, zwischen schütterer Schulmeister-Zwölftontechnik und freier Atonalität herumirrendes, ohne dynamische oder metrische oder klangfarbliche Bewegung dahinplätschern- dts, mit elektronischen Klängen oder Genre-Klischees (etwa: wenn ein Mensch einen anderen sexuell verführt, gehören dazu Blues und Cooljazz) nur scheinbar angereichertes Begleiteinerlei, gegen dessen Anämie der Dirigent Gary Bertini und ein mutiges Ensemble — Catherine Gayer, Thomas Thomaschke, Wolfgang Schöne, Willi Brokmeier, Claas H. Ahnsjö, Horst Hoffmann, Hans Wilbrink — sich tapfer, aber vergeblich engagierten.

Daß Götz Friedrich aus diesem toten Bilderbogen dennoch eine Menge szenischen Lebens gewann, verdient höchsten Respekt. Strenge Kälte, innen wie außen, klinische Sterilität und eine verfremdete, träumerisch-gespenstische Halbwirklichkeit der Szene (Bühne: Andreas Reinhardt) korrespondieren mit fast absurder Gestik, der Sentenzencharakter des Stücks ist in einen rituell überzogenen Realismus gefaßt und damit ins Allgemeine überhöht. Eine Serie von eindrucksvollen Bildern — wenn etwa der Diktator die Menge zu beherrschen lernt und seine Chancen kaltblütig nutzt — kann jedoch nicht darüber hinwegtäuschen: letztlich ist auch hier das Engagement ein Versuch am untauglichen Objekt. Heinz Josef Herbort

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  • Von Heinz Josef Herbort
  • Datum 6.8.1976 - 13:00 Uhr
  • Quelle DIE ZEIT, 06.08.1976 Nr. 33
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