Die deutschen Aktienkurse liegen jetzt um mehr als sechs Prozent niedriger als am Jahresbeginn und um etwa elf Prozent unter ihrem diesjährigen Höchststand, erreicht im April. Seither geht es unter Schwankungen abwärts. Für positive Börsenprognosen haben die Anleger keine Antenne mehr. „Langsam wird die Lage kritisch“, orientiert die Oldenburgische Landesbank ihre Kundschaft; Die Bayerische Hypotheken- und Wechsel-Bank gibt zu, daß diejenigen gut beraten waren, die ihre Aktien Anfang April verkauft haben, dem „ersten kurzfristigen Verkaufszeitpunkt dieses Jahres“. Jetzt wollen die Börsianer ein neues Verkaufssignal entdeckt haben, weil die bisher gehaltene „Widerstandslinie“ durchbrochen worden und die nächste erst in Sicht ist, wenn die Indices um weitere 15 Prozent gefallen sind.

Da ist es kein Wunder, meine verehrten Leser, wenn es den Banken immer weniger gelingt, Käufer für deutsche Aktien zu finden. „Wir sind Kurzarbeiter, von denen die Bundesanstalt für Arbeit nur nichts weiß“, skizzieren die Mitarbeiter in den Banken-Börsenabteilungen spöttisch ihre Situation. Die Bundesbank bestätigt den Mangel an Beschäftigung. In ihrem neuesten Monatsbericht heißt es, daß im Juni Ausländer deutsche Aktien nur im Wert von 140 Millionen Mark erworben haben, deutsche Kreditinstitute und ihre Kunden (einschl. Investment-Fonds) zusammen lediglich 135 Millionen Mark. Das sind Zahlen, die niemanden beeindrucken können.

Bisher wurde die „flaue“ Börse mit der Ferienzeit entschuldigt. Aber auf die Dauer kann niemand damit glaubwürdig operieren. Tatsache ist denn auch, daß sich bei den institutionellen Anlegern eine grundlegende Änderung ihrer Politik vollzogen hat. Lange Zeit hatten zum Beispiel die Aktienfonds mehr als 90 Prozent ihrer verfügbaren Mittel in deutschen Aktien angelegt. Jetzt ist man auf die Schaffung liquider Polster bedacht. Einzelne Fonds haben sich bereits flüssige Mittel von 20 Prozent und mehr beschafft. Damit dokumentieren sie, daß sie einen zumindest vorübergehenden Rückschlag an der deutschen Börse nicht mehr länger ausschließen; andere sprechen offen von dem bevorstehenden Ende des Börsen-Zyklus. Das sind vor allem jene, die an steigende Kurse nur glauben, solange die Liquidität zunimmt. Für sie war die Mindestreservenerhöhung der Bundesbank im Frühjahr das Signal zum Aussteigen.

Die Haussiers glaubten bislang, den Liquiditätsgesichtspunkt beiseite schieben zu können. Sie meinen, daß er als Kurstreibsatz seine Schuldigkeit ohnehin getan hat und nunmehr an seine Stelle der deutlicher werdende Konjunkturaufschwung getreten ist.

Mit der Konjunkturanalyse des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung in Essen hat diese Theorie allerdings viele Anhänger verloren. In dem Gutachten wird nämlich die These vertreten, daß sich derzeit nicht hinreichend übersehen läßt, ob das Erlahmen der konjunkturellen Auftriebskräfte in den kommenden Monaten anhalten oder vor einem erneuten Erstarken abgelöst wird.

Die Bundesbank bleibt in ihrem letzten Monatsbericht (August) zuversichtlich. Sie verweist darauf, daß sich im Juni eine deutliche Kreditausweitung eingestellt hat, was übrigens im Zwischenbericht der Deutschen Bank für das I. Halbjahr 1976 bestätigt wird. Bescheinigt wird von beiden Instituten, daß Investitionskredite von der Wirtschaft weiterhin nur im bescheidenen Umfang in Anspruch genommen werden. Die Bundesbank führt das auf die immer noch hohen liquiden Mittel der Unternehmen zurück, die vorläufig noch neue Anlagen aus eigener Kraft finanzieren können.

Die höhere Kreditinanspruchnahme der Kundschaft hat in weiten Teilen des Kreditgewerbes dazu geführt, daß Banken und Sparkassen als Wertpapierkäufer ausfallen. Die Banken, die im Mai noch für über zwei Milliarden Rentenwerte erworben hatten – im wesentlichen Kassenobligationen des Bundes –, haben im Juni keine Rentenwerte mehr gekauft, sondern per Saldo für 370 Millionen abgestoßen.