Die Tatsache, daß seit ein paar Tagen in ihrer Justizvollzugsanstalt Lauerhof zwei Anarchistinnen aus Berlin sitzen, hätte für die Lübecker kaum ausreichend Gesprächsstoff abgeben können, wenn nicht dadurch etwas geschehen wäre, worüber viele Hansestädter ungemein empört sind. Ein Baum wurde gefällt. Ein über 70 Jahre alter Spitzahorn mußte seinen Platz räumen, wurde umgelegt, weil er direkt neben der Gefängnismauer stand, die den Frauentrakt von Lauerhof begrenzt.

Erst dadurch rückten Brigitte Asdonk und Annerose Reiche, die aus der West-Berliner Haftanstalt nach Lübeck umquartiert wurden, auf die Tagesordnung nachbarlicher Diskussionen. Wenn auch nur in einer Nebenrolle. Im Mittelpunkt zorniger Proteste stand selbstverständlich der stattliche Ahorn. „Das müssen ja tolle Ausbrecherinnen sein“, spottete ein Anwohner. „Die zwei müssen doch erst mal aus ihrer Zelle raus, bevor sie sich von Ast zu Ast schwingen können.“ Es half nichts. Sicher ist sicher. Mit dem Baum war schleunigst kurzer Prozeß zu machen. In Lübeck-Lauerhof ist man sowieso nicht sonderlich erbaut von dem prominenten Zuwachs.

Natürlich, wurde im Frauentrakt das Oberste zuunterst gekehrt, nach möglichen Sicherheitsrisiken gefahndet, das Wachpersonal für diesen und jenen Fall instruiert, alles streng geheim, versteht sich. In Lübeck geht sogar die Kunde von BGS-Einheiten, die die Haftanstalt umkreisen. Nicht auszudenken, wenn da eines Nachts über den Baum ...

Knapp zwei Tage erst saßen Annerose Reiche und Brigitte Asdonk in ihren Zellen, da wurde der Ahorn Gegenstand amtlicher Überlegungen. Zumal seine weitausschwingenden Äste, die wuchtige Krone, die großzügig Außenwelt wie Anstaltshof überschattete. Auf „höhere Anordnung“ – so die offizielle Sprachregelung im Kieler Justizministerium – rückte die Technische Hundertschaft „Küste“ an und legte den Spitzahorn um. Trotz Wut und Empörung behielten die Anwohner einen gewissen Sinn für Gerechtigkeit. Sie wetterten beileibe nicht gegen die zwei Anarchistinnen, sondern gegen die „höhere Anordnung“, gegen denjenigen, der die höhere Anordnung erlassen hatte. „Wer ist das denn? Wer versteckt sich da hinter seiner ‚höheren Anordnung‘?“ Eine befriedigende Antwort erhielten sie nicht. Erst recht nicht auf diesen unwiderlegbaren Vorwurf: „Was ist denn, wenn die beiden Anarchistinnen wieder raus sind oder ihre Zeit abgesessen haben? Wer stellt uns dann den Baum wieder hin?“

Viola Roggenkamp