Von Karl-Heinz Wocker

London, im August In den Nachrufen standen unterschiedliche Zahlen. Niemand scheint genau zu wissen, wie viele Zeitungen und Zeitschriften Lord Thomson eigentlich besaß, „rund 150“ oder „etwa 200“. Seit die Financial Times im Juni 1960 den Branchenscherz prägte, nach ihren Informationen habe Lord Thomson seit nahezu einer Woche keine neue Zeitung gekauft, kamen noch viele Zeitungen hinzu, diesseits und jenseits des Atlantiks, Aber während er das Kleinvieh auf dem Pressemarkt im Dutzend erwarb, ging er beim Kauf seiner Prachtexemplare sehr sorgsam vor. je sieben Jahre lagen zwischen der Übernahme des Scotsman, die seiner schottischen Abkunft schmeichelte, der Sunday Times, die ihn in Fleet Street etablierte, und der Times, die besitzen zu wollen keiner weiteren Begründung bedurfte.

Im Nachruf der Times auf Thomson wird daran erinnert, daß er gelegentlich auch Zeitungen verkauft oder geschlossen hat, unbekannte Provinzblätter, aber gleichwohl: auch die hatten Redakteure, Setzer und Leser. Die Medaille vom Verleger, der nur die Bilanzen, nicht aber die Leitartikel liest, hat eine Kehrseite. Presse-Erzeugnisse waren für Thomson nicht Machtinstrumente wie für Northcliffe und Beaverbrook, sondern gewinnabwerfende Unternehmen. In letzterem mußte die Times ihn enttäuschen, und er wußte es.

Dennoch herrscht am New Printing House Square keine Bestürzung über den Tod des kanadischen Eroberers. Die Times war nie völlig unsinkbar, auch unter Thomson nicht, und sie auf immer wetterfest zu machen, wird nie gelingen. Thomson steckte mehrere Millionen Pfund in das Blatt. Ob er das fortgesetzt hätte, wären ihm noch ein Jahrzehnt oder mehr gegönnt gewesen, weiß man nicht, auch wenn es wahrscheinlich ist. Leidenschaftliche Markensammler geben eher komplette Länder her als ihre Sachsen-Dreier. Die Frage ist nun: Sammelt auch Sohn Kenneth Thomson?

Über ihn weiß man so gut wie nichts. Er ist zwar schon seit langem der Manager der kanadischen und amerikanischen Säulen des Konzerns, er ist Mitvorsitzender von Times Newspaper Ltd. (Times, Sunday Times und Garnierung) und er hat nun die Thomson Organisation, Sitz Toronto, der 85 Prozent von Times Newspaper Ltd. zufielen, als 1966 der Besitz der Times von den Astors auf die Thomsons überging, die seit 1970 mit ihrem persönlichen Vermögen das Wohlergehen des Blattes garantieren.

Denkt Kenneth darin wie sein Vater? Er kommt nicht als grüner Jüngling ins Geschäft. Lord Thomson war 82, als er starb, so alt wie Queen Victoria, als sie ihr Empire dem Sohn vermachte, Eduard VII., dem klassischen Beispiel eines zu lange von sinnvoller Tätigkeit ferngehaltenen Erben. Davon kann hier keine Rede sein. Kenneth Thomson, 52, hat als Reporter und Manager kleiner Thomson-Blätter gearbeitet und ist dann auf der Leiter des wachsenden Konzerns mit nach oben gestiegen. Er diente in der kanadischen Luftwaffe und studierte in Cambridge. Er ist Baptist und völlig enthaltsam. Der Vater lebte bescheiden aus dem Pathos des Emporkömmlings, der lange Zeit kleine Brötchen backen mußte. Der Sohn demonstriert Bescheidenheit im Bewußtsein des Erben, dem Kuchen schon nichts mehr sagt. Übrigens sammelt er doch: Elfenbeinschnitzereien und Gemälde.

Wie wird es dem Konzern und der Times insonderheit ergehen? Das Blatt ist kurzfristig sicher. Soeben erst wurde ein aufwendiger Rationalisierungsprozeß in Gang gesetzt. Im Schutz der großen Stillhaltephase der britischen Gewerkschaften stellen die Times, die Sunday Times und die drei angegliederten Wochenzeitschriften für Literatur, Erziehung und Hochschulen auf computergesteuerte, photomechanische Herstellung um. Sie beginnt Anfang 1977 und kostet mindestens 2,5 Millionen Pfund an Investitionen, die schon bereitgestellt sind. Der Ausverkauf überflüssig werdender Arbeitskräfte wird erheblich teurer sein, die Summe wurde in der Ankündigung vom Mai nicht genannt. Noch haben die Gewerkschaften ihre Mitarbeit zugesichert. Sie wissen, daß die Entlassenen eines eingestellten Blattes heute keine offenen Arme bei der Fleet-Street-Konkurrenz finden und daß Abfindungen besser sind als Streiks um unhaltbare Arbeitsplätze.