Ein berühmter Maler von Mitte Fünfzig, verheiratet, begegnet eines Tages einer um zwanzig Jahre jüngeren Frau. Sie ist schön, und sie ist geschieden. Sie wird sein Modell und seine Geliebte. Trotz gelegentlicher Trübungen entwickelt sich beider Verhältnis; nach der Geburt einer Tochter wird daraus eine dauerhafte Verbindung. Für den Maler ist es eine unerhoffte Liebe am Nachmittag; seine gedankenschwere Kunst blüht auf; ihre Themen wenden sich von den Welträtseln ab und dem Rätsel Frau zu.

Sein spätes Glück indessen nimmt ein jähes Ende: Die Freundin ist an Krebs erkrankt; nach zwei vergeblichen Operationen stirbt sie einen qualvollen Tod. Der Maler wird Zeuge ihres Sterbens; er beschließt, erschüttert und zugleich fasziniert, das langsame, schreckliche Verlöschen eines Lebens in Bildern festzuhalten – ein unerhörter Vorgang, mit dem die Tragödie im Leben dieses Malers sich der Verarbeitung in sentimentalen Künstlerromanen entzieht.

Der Maler ist Ferdinand Hodler, die Frau heißt Valentine Godé-Darel; sie waren sich 1908 in Genf begegnet. Mit dem Eintritt der gebürtigen Pariserin in das Leben Hodlers wurde ihr Leben zum Teil seiner Kunst – ihre privaten Beziehungen erhielten damit, soweit sie sich in Hodlers Gemälden und Zeichnungen spiegelten, eine künstlerisch bedeutsame Dimension.

Man hatte schon längere Zeit vermutet, daß die genaue Untersuchung der Verbindung Hodlers mit Madame Godé-Darel wichtige Aufschlüsse über seine Kunst hervorbringen könnte; doch man wagte nicht, beider Privatleben zum Gegenstand der Kunstgeschichte zu machen. Den langen Forschungen des Hodler-Kenners Jura Brüschweiler – Nachforschungen, die der Erhellung der Lebensumstände dienten, eingeschlossen – ist es zu verdanken, daß nun auch dieses aufregende Kapitel von Hodlers künstlerischer Biographie dokumentiert ist.

Die Werke des Malers, die aus der Verbindung mit Valentine Godé-Darel entstanden sind, vereinigt eine Ausstellung, die nach Zürich und St. Gallen nun auch in München zu sehen ist. Der leicht kitschige Titel – „Ein Maler vor Liebe und Tod“ – hat sie über die Grenze begleitet. Es gibt zwar noch ein paar andere Schönheitsfehler, die der ergreifenden Ausstellung aber nicht einen Deut von ihrem Glanz nehmen: Einige Arbeiten sind nicht mit nach München gekommen, zudem verfügt das Museum Villa Stuck nicht über Räume, die es ermöglichten, die sich über sieben Jahre erstreckende Werkreihe in der richtigen Abfolge zu zeigen und dabei den Zusammenhang von Vorzeichnung und malerischer Ausführung zu berücksichtigen.

Ferdinand Hodler hat Valentine Gode-Darel mit den Augen eines Liebenden gesehen; sein Wunsch, ihre Schönheit im Bilde zu bewundern, hat bis dahin verborgene Möglichkeiten seiner Malerei herausgefordert. Gleich das erste Gemälde, zu dem sie Modell stand, zeigt, wie sich seine Kunst unter ihrer erotischen Ausstrahlung veränderte.

Es ist ein Rückenakt, der mit ausgebreiteten Armen vor einer Landschaft mit weitem Horizont steht. Das Motiv ist nicht neu, Hodler hat dergleichen allegorische Figuren immer wieder gemalt. Ganz anders jedoch ist die Art. der Darstellung: Diese Figur ist nicht überlebensgroß (eine Wirkung, die Hodler üblicherweise dadurch erreichte, daß er sie auf einen symbolistischen Kothurn hob), sie stellt auch keine Abstraktion in menschlicher Gestalt dar. Haltung und Bewegung sind von einer Art zeremonieller Gemessenheit, ein vibrierender rhythmischer Impuls strömt durch diesen Körper. Der Maler nannte das Bild „Linienherrlichkeit“.