ZDF, Sonntag, 8. August: „Einer muß es ja machen ...“, von Herbert Stelz

Vor einigen Jahren erschien, in der Reihe „Aus der Arbeitswelt“, ein Buch, das die Probleme der Schichtarbeit aus der Perspektive der Betroffenen beschrieb. Da gewann ein Begriff plötzlich Anschaulichkeit, da wurde aus einer Vokabel, die einen arbeitstechnischen Vorgang bezeichnet, ein Stück Realität: Schichtarbeiter schilderten, welche Gedanken ihnen kommen, wenn sie nachts allein durchs Ruhrgebiet fahren, und was es für sie bedeute, mitten in der Realität ein absurdes, von Verzicht und Paradoxie geprägtes Leben führen zu müssen: kein Fußballtraining, kein Spiel mit den Kindern (wenn Vater schläft, hat der Sohn auf Zehenspitzen zu gehen), keine Weiterbildungsmöglichkeit, kein Kontakt mit den Nachbarn, kein Kontakt mit der Frau.

Exakter, dachte ich, läßt sich das Problem nicht beschreiben: nicht die Gedanken während der Nacht, nicht die Angst vor dem toten Punkt, nicht die Furcht vor der totalen Isolation, nicht die Nervosität und die Angst vor der Krankheit. Aber ich hatte mich geirrt: Der Film war noch präziser als das Buch ... und das aus einem zweifachen Grund. Zum ersten gelang es Herbert Stelz, dem Autor des Reports, die Brutalität der Schichtarbeit mit Hilfe von Detailschilderungen sichtbar zu machen, die den Betrachter am Bildschirm glauben ließen, er sei in ein vorgewerkschaftliches Zeitalter zurückversetzt worden. (Mit einem Lokomotivführer, verglichen, so schien es, schläft ein Strafgefangener in Einzelhaft nahezu paradiesisch.)

Das war das eine: die Signifikanz des Details. (Eine Schichtarbeiterin, die keine Nachbarin kennt. Ein BASF-Mann, der, da er sich aus seiner Irrealität nur schwer befreien kann, den Kindern nicht bei ihren Schularbeiten helfen kann: „Dann gehen sie eben zur Mutter und fragen den Vater nicht mehr...Und das tut weh, so was.“) Und nun das andere: Im Gegensatz zu vielen sogenannten Dokumentaristen hütete sich Herbert Stelz, die Aussagen der Betroffenen unkommentiert stehenzulassen und sich am Ende, als sprächen die Statements für sich selbst, mit einem „Da seht ihr. So sieht die Wirklichkeit aus“ zu begnügen. Das gerade nicht! Im Gegenteil, hier wurde endlich einmal gezeigt, daß das subjektive Bedürfnis der Betroffenen eines – und ihr objektives Interesse ein anderes ist. Hier wurde deutlich gemacht, daß es eine Humanisierung der Schichtarbeit nur dann geben wird, wenn die Beteiligten anfangen, selber auf Abhilfe zu sinnen: wenn sie erkennen, welche Arbeit unabdingbar für die Allgemeinheit und welche, da sie nur dem Profit von einzelnen dient, überflüssig ist; wenn sie die ihnen – und damit der Gesellschaft – zugefügten Verluste nicht mehr als schicksalhaft hinnehmen: den Verlust an Bildung, an Muße, an Kreativität, an familiären Bezügen, an Kommunikation mit der Umwelt, an Elan und Selbstsicherheit.

Ein makelloser Film: kenntnisreich, didaktisch perfekt (statt selbstgewisser Thesen: verunsichernde Fragen. Statt des Dogmas: die Mitüberlegung. Statt allgemeiner Behauptungen: ein ständiger Bezug auf die konkrete Situation der Betrachter), abgewogen und nuanciert (es wurden keine Fließbandsklaven gezeigt, sondern Leute, die Spaß hatten an ihrer Arbeit) und vor allem sehr human. Auch wenn das Fazit sich von der Summe der Aussagen radikal unterschied – das eben war ja das Spezifikum dieses Films –, so wurde doch jeder Satz ernst genommen und einer Korrektur für würdig befunden.

Kurzum: ein bis ins Detail hinein auskalkulierter Film. Kunstvoll die Balance zwischen Tatbestand-Beschreibung und dem Aufweis von Alternativen (Fritz Vilmar trug sie überzeugend vor: Punkt für Punkt), zwischen der Meinung der Beteiligten und der Meinung des dank seiner privilegierten Stellung mehr wissenden Autors, zwischen einer Belehrung, die unterhaltlich, und einer Unterhaltung, die – weiß Gott! – belehrend war: „Denn wenn die Sonne scheint und wenn Sonntag ist“, intonierte inmitten von-Zechen-Fußballern ein Sänger, „dann weißt du, daß du Mensch geblieben bist.“

Ich denke, hier hat einer bei Bert Brecht gelernt, wie man’s anstellen muß, um nicht nur das Publikum, sondern auch die Betroffenen selbst zu überzeugen: falls sie ausnahmsweise schichtfrei hatten, am Sonntagabend um neun.

Momos