In einem rätselhaften Jahrzehnt-Rhythmus treten neue Formen der Grippe auf

Von Tilman Neudecker

Von US-Präsident Ford zur „Sache von außerordentlicher Wichtigkeit für alle Amerikaner“ deklariert, von der New York Times als „falscher Alarm“, gar als „eine jener unbegreiflichen amerikanischen Verirrungen und Überreaktionen, die in Wahljahren gelegentlich auftauchen“ in Frage gestellt – in den Vereinigten Staaten herrscht das große Rätselraten, ein Warten auf den großen Unbekannten aus der Welt der Mikroben, der in wenigen Monaten die Amerikaner heimsuchen wird, oder auch nicht. Niemand weiß, ob sich die mit der Sorge des Präsidenten und seiner Berater um die „sehr reale Möglichkeit“ einer neuen, gefährlichen Grippeepidemie im kommenden Herbst und Winter begründete spektakuläre und bislang beispiellose Kampagne zur Schutzimpfung sämtlicher 200 Millionen Amerikaner schließlich als weise gesundheitspolitische Entscheidung oder vielleicht als eine einzige, groteske 135-Millionen-Dollar-Seifenblase entpuppen wird.

Angefangen hat alles, in Fort Dix, einem Ausbildungszentrum der US-Armee im Bundesstaat New Jersey. Dort waren im vergangenen Januar plötzlich zahlreiche Soldaten mit Symptomen erkrankt, die vom behandelnden Arzt zunächst als eine der üblichen, harmlosen „Erkältungen“ diagnostiziert wurden. Erst als sich die Krankmeldungen häuften, und dann schließlich sogar einer der Erkrankten, zu früh wieder aufgestanden, nach einem Gewaltmarsch zusammenbrach und starb, war aus der anfänglich vermuteten Erkältung plötzlich ein heißes Eisen geworden.

Am 13. Februar diagnostizierten Experten des Center for Desease Control in Atlanta die Fort-Dix-Krankheit als Virusgrippe. Was die Wissenschaftler alarmierte, war der überraschende Befund, daß sich im Rachenspülwasser einiger der erkrankten Soldaten nicht nur der bis dahin gängige Grippeerreger Myxovirus influenzae Typ A/Victoria fand – er ist sozusagen ein „alter Bekannter“, gegen den Impfstoffe zur Verfügung stehen – sondern daneben auch eine bisher unbekannte Grippevirus-Variante mit offensichtlich anderen Eigenschaften als die des A/Victoria-Stammes. Diese Entdeckung brachte den Stein ins Rollen. Er war schon nicht mehr aufzuhalten, als eine Woche später ein weiterer mysteriöser Befund aus Atlanta kam. Zufall oder Ironie des Schicksals – im Rachenspülwasser, das die Armeemediziner eine Woche später zur Anlayse einschickten, konnte von dem geheimnisvollen neuen Virus keine Spur mehr entdeckt werden. Was man diesmal gefunden hatte, war eindeutig und ausschließlich A/Victoria. Die rätselhafte Fort-Dix-Variante war und ist seither spurlos verschwunden. Und sie wäre vermutlich unentdeckt geblieben, hätte man die ersten Patientenproben nur acht Tage später untersucht.

Vorbereitung im Untergrund

Kritikern des jetzt in den USA anlaufenden Massen-Impfprogramms – unter ihnen Verbraudier-Anwalt Ralph Nader – dient dieses mysteriöse einmalige Auftauchen und Wieder-Verschwinden des Fort-Dix-Virus als Argument dafür, daß es sich möglicherweise nur um eine plötzlich entstandene, neue Virursvariante gehandelt haben mag, die im Konkurrenzkampf mit A/Victoria unterlegen war und deshalb ebenso plötzlich wieder ausstarb wie sie geboren wurde. Befürworter hingegen sehen gerade in diesem Verhalten die besondere Gefahr, die mit dem Herannahen der spätherbstlichen Grippezeit auf die Amerikaner, womöglich auch auf Europäer, zukommen könnte. Denn ebenso wie in Fort Dix, so glauben diese „Vorsichtigen“, könnte das neue Grippevirus auch anderswo, und zwar unerkannt, auftauchen und wieder verschwinden, und so gewissermaßen im Untergrund die große Attacke im kommenden Winter vorbereiten.