Von Heinz Josef Herbort

Als wir hinunterfuhren, hatten wir, nach einer Woche Bayreuther Festspiele, nur Wagner im Ohr, pfiffen allenthalben das Walhall- oder Siegfrieds Schwert-Motiv, fragten uns mit den Nomen der „Götterdämmerung“: „Weißt du, wie das wird?“ Und abends, beim ersten Glas vom toskanischen vino nobile, zitierten wir Siegmunds Frage: „Schmecktest du mir ihn zu?“ Irgendwann kam zwar jemand kurz auf Mendelssohns „Italienische“ Sinfonie, ein anderer auf Mozart; noch vor Ende der Woche aber gab es einen neuen Ohrwurm: das Thema des e-moll-Preludes für Gitarre von Heitor Villa-Lobos. Wer immer im Laufe dieser acht Tage in Montepulciano eine Gitarre auspackte, Julian Bream für ein Konzert, seine Meisterkursschüler zum Oben oder der über sechzigjährige Vater des italienischen Top-Virtuosen Aldo Minella, der frühmorgens vor unserem Fenster so vor sich hin spielte – das leicht schnulzige „Andantino espressivo“ erklang mit zwingender und pünktlicher Notwendigkeit.

*

Montepulciano: Weinkennern ist der Ort in der südlichen Toscana vertraut wegen des in zahlreichen hervorragenden Lagen gewonnenen sehr fruchtigen, leicht harzig schmeckenden weißen vino nobile und einer der südlichsten Versionen des roten Chianti; Leber-, Nieren- und Gallenkranken eventuell vom nahen Chianciano Terme (Calcium und Hydrogencarbonat). Romanisten ist der Dichter Poliziano geläufig, bürgerlich Angelo Ambrogini, ein Hofpoet der Medici; Physikern vielleicht Roberto Belarmino, ein Freund Galileis; Kirchenhistorikern gewiß der Papst Marcellus II. – sie alle würden hier geboren, und von der Papstwahl existiert noch, im Palazzo Ricci, ein wider die Vorschrift angeblich nicht verbrannter Wahlzettel.

Heute leben die 17 000 Einwohner Montepulcianos – außer vom Weinbau – von ein bißchen Holz- und Ziegelindustrie und ziemlich viel Handwerk. Bei den Kommunal wählen 1975 stimmten 52 Prozent für die Kommunisten, 27 Prozent für die Democrazia Cristiana.

Die Touristen kommen allenfalls für zwei, drei Stunden vorbei, bewundern die für diese Gegend typische Anlage der Stadt hoch auf einem der toskanischen Hügel, eine geschlossene, fast fefestungartige Siedlung, 605 Meter über dem Meeresspiegel. Sie haken die steinernen Dokumente aus etruskischer Zeit ab, bestaunen die Renaissance-Palazzi, betrachten vielleicht den Dom, von dessen Fassade der Marmor wieder abgerissen wurde, und den Tempio di San Biagio draußen vor den Mauern. Vielleicht haben sie auch noch einen kurzen Blick auf das vitale und doch so beschauliche Leben in den außerordentlich engen Gassen geworfen, in denen man nie weiß, wieviel Not hinter der Photographier-Idylle hockt. Sie halten schließlich Montepulciano für eine Art italienisches Rothenburg, kaufen etwas Wein und sind bald wieder weg.

*