Brüssel und Kopenhagen erwarten von Bonn eine Korrektur innerhalb der Schlange

Stünden der Wahlkampf und die Bundestagswahl nicht vor der Tür, müßte die deutsche Wirtschaft wohl noch im Spätsommer mit einer Aufwertung der Mark gegenüber den Währungen des europäischen Währungsverbundes (der „Schlange“) fertig werden. Aber in Bonn, wo eine solche Entscheidung zu treffen wäre, ist die Urlaubsruhe eingekehrt. Bundeskanzler Helmut Schmidt erholt sich am Brahmsee, der Bundesfinanzminister Hans Apel ist in Hamburg, und der zuständige Staatssekretär Karl Otto Pöhl hat Bonn ebenfalls verlassen. Die für die weitere Existenz der Schlange so wichtige Entscheidung dürfte aller Voraussicht nach von dieser Bundesregierung nicht mehr getroffen werden.

Darüber sind vor allem die verantwortlichen Politiker in Belgien und Dänemark betrübt. Der belgische Franc und die Dänenkrone sind seit einiger Zeit die Sorgenkinder. In der Rest-Schlange arbeiten nach dem Ausscheren Frankreichs am 15. März 1976 nur noch die Bundesrepublik, die Benelux-Länder und die skandinavischen Länder zusammen. In der guten Absicht, wenigstens ein kleines Häuflein stabilitätsbemühter Länder als Hartwährungsblock in bessere Zeiten hinüberzuretten, verteidigen diese Länder im Verkehr untereinander feste Wechselkurse. Sobald eine Währung aus dem Kreis der sieben Aufrechten schwach wird, müssen die Zentralbanken die schwache Währung so lange aufkaufen, bis ihr Kurs von den anderen Währungen nicht mehr als 2,25 Prozent entfernt ist.

Das ist nicht immer die reine Freude. Denn Stützungskäufe sind nur mit starken Währungen zu machen. Seit März bewegen sich alle anderen Währungen dem Bauch der Schlange zu, nur die Mark hält sich in der Nähe der Rückenlinie. Die Mark ist also in der Schlange die Interventionswährung schlechthin. Entweder leiht die Bundesbank den anderen Zentralbanken Mark, damit diese damit ihre eigenen Währungen aufkaufen, oder sie kauft mit ihrer neuen aus der Geldmaschine ausgestoßenen Mark die schwachen Währungen auf den Devisenmärkten selbst auf. Der Vorgang ist im Prinzip gleich: Die Menge an umlaufender Mark wird erhöht, ein Inflationspotential wird geschaffen.

In den letzten Wochen sind durch solche Vorgänge nach Schätzungen von Devisenhändlern zwischen 800 und 900 Millionen Mark in den Kreislauf der deutschen Wirtschaft gepumpt worden. Das sind, verglichen mit den großen Währungskrisen Anfang der siebziger Jahre, relativ kleine Injektionen. Aber diese Geldaufblähung vollzieht sich stets in einer Art Krisenatmosphäre.

Das Dilemma der Schlange hat Bundesbank-Vizepräsident Otmar Emminger einmal so zusammengefaßt: „Entweder marschieren die Mitglieder des Währungsverbundes sowohl in der inneren Stabilität als auch in der Zahlungsbilanz-Entwicklung im gleichen Schritt, oder sie müssen von Zeit zu Zeit die Umrechnungskurse, das heißt die Wechselkursrelationen, anpassen. Daran führt kein Weg vorbei.“

Von einem Stabilitätsgleichschritt der Schlange kann keine Rede sein. Die Bundesrepublik hat mit rund vier Prozent eine der niedrigsten Inflationsraten Europas. In Belgien liegt sie über neun, in Dänemark bei neun, in Luxemburg über zehn, in den Niederlanden bei neun, in Norwegen bei zehn und in Schweden bei elf Prozent. Ähnliche Unterschiede zeigen sich bei den Lohnkosten. Die Kommission der Europäischen Gemeinschaft hat ausgerechnet, daß in den vergangenen drei Jahren die Lohnstückkosten in der deutschen Industrie um 25 Prozent, in der holländischen aber um 41, in der belgischen um 49, in der dänischen um 59 und in Luxemburg sogar um 61 Prozent gestiegen sind.