Von Marietta Riederer

Paris, im August 1976

Im Ballsaal des Pariser Hotels Intercontinental zeigte Yves Saint Laurent 700 geladenen Gästen, was Haute Couture ist und – was sie sein soll: nämlich Mode als faszinierende Verführung. Er mischte Traum und Wirklichkeit und machte deutlich, daß Qualität, Phantasie, Kühnheit und Handwerk treibende Kräfte der Haute Couture sind.

Wer Saint Laurents Prêt-à-Porter-Schau für den kommenden Winter bereits gesehen und die elektrisierende Wirkung, die vom Laufsteg übersprang, miterlebt hatte, rätselte: Was wird er für die Haute Couture zeigen? Es war Fortsetzung und Steigerung, verbunden mit ungewöhnlichem Luxus. Dabei gestand er offen ein, er könne nicht mehr von seinem neuen Stil lassen. Und er wird so fast zum Modediktator. Auch eiskalte Konfektionäre wissen natürlich genau, daß alles, was dieser inzwischen 40jährige schüchterne Mann macht (den zwei Mannequins zur Verbeugung auf den Laufsteg zerren mußten), zur Mode wird.

Er, ein langjähriger Verfechter von korrekten Blazerkostümen und Hosentailleurs, schickt nun alles Maskuline in die Versenkung. Sein New Look sind weite Röcke, schlanke Taillen, durch breite Gürtel betont, Boleros oder hüftlange Jacken über Bauernblusen aus blumigem Wollmusseline, aber auch Russenkittel, pelzgerandete Mützen über Kopftüchern und Stiefel mit hohen festen Absätzen unter recht langen Röcken. Basierend auf östlicher Folklore bedeutet das ganz gründlich „raus aus den Jeans“. Jetzt heißt es definitiv, feminin zu sein und das Weibliche auszuspielen mit Glanz und Gloria, ganz besonders in der Abendmode.

Während die Tagesmode in immer neuen Varianten den Folklore-Trend geballt über den Laufsteg schickte, brachte die Abendmode eine längst vergessene phantastische Prachtentfaltung mit Infantinnenkleidern. Vive l’opéra! Die weiten Röcke gebauscht aus raschelndem Fülle (einem schweren Taft), das Oberteil aus Samt, schmal die Taille, die Hüften noch knapp umspannend, die Ballonärmel wiederum aus Faille, das ganze schwarz und mit einem Gürtelband aus wickenrosa Satin. Ähnliches auch in kühnen Farben, in Bischofslila und Kardinalsrot, persischem Blau und indischem Rosa.

Große Schals aus bedrucktem Lamé-Chiffon werden über die Schultern gelegt, Burnusse oder bodenlange Capes als Hüllen aus Panne-Samt offeriert. Knappe Boleros, über hauchzarten weiten Bauernblusen aus golddurchwirktem Seiden-Musseline getragen, gehören zum weiten, kürzeren Taftrock, der sich über einen ebenso weiten, aber langen Samtrock breitet. Die Köpfe sind umwickelt von goldenen Turbanen, geschmückt mit Reiher- oder winkenden Fasanenfedern, manchmal ist das Haar zum langen Zopf geflochten und mit farbigen Bändern durchzogen.