Von Octavio Paz

Mitte Juli wurde die führende liberale Tageszeitung Lateinamerikas, der in Mexico-City erscheinende, wie „Le Monde“ als Kooperative geführte „Excélsior“, einem abenteuerlichen Handstreich gleichgeschaltet: Mutmaßlich unterstützt von der Regierung, vielleicht von ihr dazu angehalten, setzte eine Minderheit von dreihundert Verlagsangehörigen den gewählten Chefredakteur Julio Scherer Garcia ab (die Mehrheit der Mitarbeiter, über tausend an der Zahl, wurde am Besuch der Versammlung gehindert); anschließend wurden über 200 Redakteure von Minderheitenkommandos mit Brachialgewalt hinausgeworfen. Im Verlag von „Excelsior“ erscheint seit 1971 auch die bedeutendste kulturelle Monatszeitschrift Lateinamerikas, „plural“; Octavio Paz ist ihr Herausgeber.

Seit sie sich vor mehr als anderthalb Jahrhunderten von Spanien und Portugal, lösten, haben die lateinamerikanischen Nationen unter republikanischen und demokratischen Verfassungen gelebt. Aber jedermann weiß, daß alle diese dem Namen nach republikanischen und demokratischen Regimes außer in vereinzelten und im allgemeinen kurzen Perioden tatsächlich Diktaturen gewesen sind.

Von 1825 bis 1976 haben sich unsere Regierungen viele Ideologien zu eigen gemacht, aber die Verschiedenheit aller dieser Maskierungen vermochte die ständige Realität unserer politischen Geschichte nicht zu verbergen: den Führer.

Innerhalb dieser Lage, die heute Lateinamerika (bis auf wenige Ausnahmen wie Costa Rica und Venezuela) bestimmt, ist der Fall Mexikos einmalig und besonders. Unser Regime ist ein Kompromiß zwischen echter Demokratie und dem Führerstaat lateinamerikanischen Typs. Dieser Kompromiß jedoch, der in seiner ersten Phase durchaus positiv war, ist immer wirkungsloser geworden. Die Krise von 1968 war ein dramatisches Beispiel für den fortschreitenden Verschleiß des mexikanischen Systems. Die Partei, die fast ein halbes Jahrhundert lang an der Macht war, erwies sich als unfähig, den Konflikt mit politischen Mitteln zu lösen, wußte kein anderes Mittel als die Gewalt und rief die Armee zu Hilfe.

Die heutige Regierung begriff die Lektion und versuchte eine Reform innerhalb der Partei. Die Mehrheit der Beobachter fand mit gutem Grund, daß die Veränderungen nicht ausreichten. Wir konnten aufatmen, aber es gelang nicht, unserer anämischen Demokratie ein wenig Vitalität einzuhauchen. In wirklichen Demokratien ist Vitalität gleichbedeutend mit ideologischer Mannigfaltigkeit und Pluralität von Meinungen und Parteien. Die Krise unseres politischen Systems ist aber derart fortgeschritten, daß keine der unabhängigen Parteien überhaupt Kandidaten für die Präsidentschaftswahl dieses Jahres aufstellte. Das Panorama ist noch trostloser, wenn man die Situation der Staatsgewalten in Betracht zieht, die gemäß unserer Verfassung den Auftrag haben, über die Demokratie in Mexiko zu wachen: die Legislative und die Judikative. Die erstere, zusammengesetzt aus einer erdrückenden Mehrheit von Mitgliedern der offiziellen Partei, ist kein Organ der Diskussion und Debatte, sondern der mechanischen Billigung von präsidialen Initiativen. Die Aufgabe unserer Senatoren und Abgeordneten besteht darin, daß einer nach dem anderen dem Präsidenten Beifall spendet und Elogen auf ihn anstimmt. Die Funktion der Judikative ist noch trister: Sie ist lediglich ein Anhängsel der Exekutive.

Die Veränderungen bei der Tageszeitung „Excelsior“ enthüllen ihren wahren Sinn nur innerhalb dieser von mir flüchtig beschriebenen Situation. In Mexiko gibt es kein wirkliches politisches Leben, weil uns jener Freiraum fehlt, in dem sich in den Demokratien die Aktivitäten der Gruppen und Individuen entfalten. Dieser Freiraum ist mannigfach; es ist der Ort der Öffentlichkeit selbst, heiße er nun Forum, Parlament, Presse – jede Stelle, wo Ideen und Personen aufeinandertreffen und sich in Diskussionen begegnen. Die Mexikaner haben kein wirkliches politisches Leben, dafür haben wir eine Fiktion: Alle drei oder sechs Jahre halten wir Wahlen ab. An ihnen nehmen Geisterparteien und Geistergruppierungen teil, deren einzige Funktion darin besteht, mit ihrer Irrealität die erdrückende und allgegenwärtige Wirklichkeit der Regierungspartei PRI zu beweisen. Und dann haben wir auch noch einen Senat und ein Abgeordnetenhaus und einen Obersten Gerichtshof und eine Föderation Souveräner Staaten.