Plains, im August

Die Landschaft ist flach und grün wie ein Billardtisch. Entlang der Straße vom Flughafen in Albany dehnen sich die Mais- und Erdnußfelder, blinken morastige Tümpel, ducken sich heruntergekommene Holzhäuser. Es dauert lange, bis das erste Verkehrsschild auf Plains hinweist. Amerikas berühmtestes Städtchen rangiert im Straßensystem Süd-Georgias unter ferner liefen.

Das wird sich wohl bald andern, denn es ergießt sich ein wachsender Strom von Neugierigen in diese Gegend. Jimmy Carter hat Plains auf die amerikanische Landkarte gesetzt.

Der Ort mit seinen 683 Seelen ist längst nicht mehr nur die Heimat des demokratischen Spitzenkandidaten, er hat inzwischen auch einen enormen politischen Symbolwert. Carter vergißt in kaum einer Rede, Frieden und Ordnung seiner Gemeinde zu preisen. Vielleicht ist dabei ein bißchen von der Art Fontanescher Logik im Kalkül, frei nach Archibald Douglas: „Der ist in tiefster Seele treu, der die Heimat liebt wie Jimmy Carter.“ Sicher aber dient Plains in seinem Propagandakonzept als Objekt der weitverbreiteten Sehnsucht nach einer heilen Welt. So erfreulich wie in Plains, lautet die unterschwellige Botschaft, muß auch das Leben in Amerika wieder werden.

Die weitgestaffelten Villen unter Eichen und Platanen, die gepflegten Vorgärten und ampellosen Straßen machen verständlich, warum der Präsidentschaftsaspirant die Heimat lobt. Carters Haus am Woodland-Weg ist eines der schönsten, eine Art Herrensitz in parkähnlicher Umgebung. Mit dem bescheidenen Quartier seiner Jugendzeit hat das Anwesen des Millionärs gewiß nichts mehr gemein. Heute dürfen nur noch Privilegierte einen Blick darauf werfen; ein bewaffneter Landpolizist und eine Straßenschranke halten alle Unbefugten fern.

„Das ist aber schade“, lautet der häufigste Kommentar der Touristen, die, wenn sie schon nicht dem neuen Star der amerikanischen Politik ins Auge blicken können, zumindest seine Behausung photographieren wollen. Als beliebtestes Ersatzmotiv muß die alte Eisenbahnstation herhalten,vor deren weißgestrichenen Schindelwänden das Schild prangt: „Jimmy Carter – Hauptquartier der Präsidentschaftskampagne“.

Die rührenden älteren Damen, die die Fremden durch den Mini-Bahnhof führen, bevölkern freilich nicht die eigentliche Wahlkampfzentrale. Die liegt rund 250 Kilometer weiter nördlich an der Pfirsichbaumstraße in Atlanta; freundliche Matronen sind dort nicht gefragt, sondern harte, clevere junge Männer. Das ausgediente Bahngebäude dient nur als Ausstellungsstück des Carter-Wahlkampfes. Sein nostalgischer Werbewert wurde mit liebevoller Hand gesteigert: Der alte Kanonenofen blieb stehen, Hühnernester mit Eiern wurden in die Ecken verteilt, und manchmal wippt auch Carters Mutter nach alter Südstaatenart in einem Schaukelstuhl auf dem Perron.