Rom, im August

Zum erstenmal ist ein Mensch, der den Schüssen der DDR-Grenzwächter zum Opfer fiel, unter dem Zeichen von Hammer und Sichel und mit den Klängen der Internationale zu Grabe getragen worden: Benito Corghi,’ der italienische Kommunist, der für eine Transportgenossenschaft aus der roten Emilia Lastwagen über die innerdeutsche Grenze zu fahren pflegte.

Was immer die „Verkettung magischer Umstände“ (Neues Deutschland) gewesen sein mag, die ihn in jener Nacht auf der Brücke bei Hirschberg zum Ziel befohlener und treffsicherer Schüsse machte – daß da an einer Grenze, noch dazu an einem offiziellen Grenzübergang, gleich tödliche Kugeln fliegen, wenn sich ein Mensch nicht ordnungsgemäß zu bewegen scheint, dies wirkt aus der Perspektive eines weit entfernten und normalen Staates, wie es Italien ist, ganz unbegreiflich. Gerade die „Informationen“, die ein DDR-Diplomat in Rom der kommunistischen Parteizentrale gegeben habe, zeigten, daß dieses Vorgehen „nicht zu rechtfertigen“ sei, so schrieb die, kommunistische Unita. Der lokale Parteiverband des Toten ließ gar Maueranschläge anbringen, auf denen die Rede ist von „gefährlichen Grenzen und politischen Teilungen in Europa, die immer weniger verständlich und akzeptabel sind“.

Es scheint, als habe es dieses absurden Todes bedurft, um auch unter jenen – nicht wenigen – Kommunisten Italiens, die in der DDR ein „besseres Deutschland“ sehen, Skepsis zu wecken. Heinz Lehmann, der Gesandte der DDR, der seinem Botschafter Gysi nicht nachsteht, für sein Land beste Figur zu machen, mußte einen schweren Gang nach Reggio Emilia antreten. Er mag den Genossen dort dankbar gewesen sein, daß sie ihn von der Teilnahme am Begräbnis abhielten, nachdem eine instinktlose Ostberliner Behörde auf diesen „Wiedergutmachungs“-Einfall gekommen war. Statt dessen kam es zu einer bewegenden Begegnung mit den Hinterbliebenen. „Vielleicht hilft euch das wenigstens, zu verstehen, daß man den Sozialismus nicht durch Töten verteidigt“, sagte die Witwe und zog aus der Hinterlassenschaft ihres Mannes das „Testament Togliattis“, in dem der damalige Chef der KPI über die „schwer erklärbare Langsamkeit“ bei der Überwindung des stalinistischen „Regimes der Begrenzung und Unterdrückung persönlicher Freiheiten“ klagte. Das war vor zwölf Jahren.

hjst.