Sind tote Sozialdemokraten gute Sozialdemokraten? – Halt man sich an die Loblieder der Unionsparteien auf Ernst Reuter, Kurt Schumacher oder Fritz Erler, so waren sie alle immer schon nur bessere Christliche Demokraten. Diesem Nach-Urteil hat nun Hans Erler, der Sohn des einstigen SPD-Fraktionsschefs Fritz Trier, den Schein der Richtigkeit gegeben. Er hat, zur Überraschung der SPD und „zum Entsetzen“ seiner Mutter Käte, ein Buch geschrieben, das mit dem schlichten Titel „Fritz Erler contra Willy Brandt“ dabei ist, ein Kassenschlager zu werden. 1600 Exemplare werden seit dem vergangenen Mittwoch, als die Welt mit dem Vorabdruck begann, täglich von Buchhändlern abgerufen. Die Rotationen des Drucken kommen nicht mehr nach. Der Bonner SPD bereitet das Buch eigentlich nur Verlegenheit. Aber sie hat dafür gesorgt, daß die Öffentlichkeit von einem mißbilligenden Brief der Witwe Erler erfuhr. Hans Erler zog durch seinen Beitritt zur CDU einen klaren Trennungsstrich zur Partei des Vaters.

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Der Verleger des Erler-Buchs hat damit den Skalp eines weiteren CDU-Mitglieds erobert: Der Stuttgarter Seewald-Verlag ist auf dem besten Wege, zum Hausverleger der Union zu werden. Seit Bestehen seines Verlages hat Seewald rund 1000 Autoren verpflichtet. 91 davon waren oder sind Parteipolitiker, davon wiederum 70 aus der CDU/CSU. Unter den sonstigen Autoren sind eine Unmenge Sympathisanten der Union. Nur acht Sozialdemokraten, Erhard Eppler, Helmut Schmidt und Carlo Schmid darunter, und drei Freidemokraten pudarunter, vor Jahren bei Seewald. In dieblizierten vor Jahren bei Seewald, Für den Umstand, daß die Union so zahlreich verteten ist, hat sich der Stuttgarter Junior-Verleger eine flotte, wenn auch kaum überzeugende Philosophie zurechtgelegt: „Wir wollen der jeweiligen Opposition ein Forum schaffen.“ Da wurde eine Not mal wieder tugendhaft vergewaltigt.

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Gutes Gewissen ist ein sanftes Ruhekissen – ungefähr nach diesem Motto reagiert das Bundesinnenministerium auf Anfragen, ob und gegebenenfalls was getan werde, um von westlicher Seite zu verhindern, daß zivile Irrläufer oder uniformierte Leichtfüße unversehens die DDR-Grenzer durch Grenzlandbetretungen „provozieren“. „Man geht davon aus“, so ein Sprecher, daß die Kommandeure ihre Untergebenen auf besondere Sorgfaltspflicht hinweisen. Zu den Erläuterungen gehört auch die Prämierung, wann geschossen werden darf: in Nothilfe für einen Flüchtling, und dann nach dem Grundsatz der Verhältnismäßigkeit.

Die innerdeutschen Aufregungen haben einen neuerlichen Anlauf unterbunden, Politiker der CDU/CSU und DDR-Vertreter Michael Kohl gesprächsweise zusammenzubringen. Generalsekretär Kurt Biedenkopf sagte eine von ihm angeregte Begegnung mit Kohl wegen der Grenzzwischenfälle ab. Mit der Union hat Kohl Pech. Wohl hat er im November 1974 den saarländischen Regierungschef Röder und ein Jahr darauf den Mainzer Namensvetter Kohl besucht. Doch die Visite beim bayerischen Ministerpräsidenten Goppel im Dezember scheiterte wegen der Zwangsadoptionen. Und der Kieler Landesvater Stoltenberg gab Kohl über den Umweg Kieler Woche die Ehre. Ein Besuch bei Filbinger in Stuttgart war lange in Kohls Programm. Inzwischen ist er ad calendas graecas vertagt. Eduard Neumeier