Von Joachim Nawrocki

Berlin, im August

Das Regime an der Staatsgrenze“ (Neues Deutschland) der DDR, seiner ganzen Anlage nach dazu geschaffen, Bürger der DDR am Verlassen ihres Staates zu hindern, wird ständig perfektioniert. Der materielle und finanzielle Aufwand für die Grenzsicherung ist beispiellos; er läßt sich auch aus der Sicht der DDR nur dann begründen, wenn man davon ausgeht, daß nicht einige Hundert, sondern Zehntausende jährlich die DDR verlassen würden, wenn sie nur könnten. Als 1961 die Mauer um Berlin gebaut wurde, da spotteten die Ost-Berliner, hier werde die – lange geplante und bis heute nicht fertiggestellte – Autobahn nach Rostock zum Trocknen aufgestellt. Mit dem Aufwand für die 1346 Kilometer langen Grenzanlagen zwischen Bundesrepublik und DDR hätten mehrere Autobahnen quer durch die DDR gebaut werden können.

Das Grenzregime beginnt schon rund fünf Kilometer vor der Demarkationslinie. In diesem kilometerbreiten Cordon sanitaire dürfen sich DDR-Bürger nur mit besonderer Genehmigung aufhalten. Neben vielen Kontrollstellen sollen wachsame Einwohner dieses Grenzgürtels und sogenannte Grenztruppenhelfer verhindern, daß unbefugtè DDR-Bürger sich ihrer Staatsgrenze auch nur nähern können. Der eigentliche Grenzstreifen ist bis zu 500 Meter breit. Er besteht aus mehrfachen Stacheldrahtzäunen, Minengürteln, ausgebauten Wegen für die Fahrzeuge der Grenzsoldaten, einem Sperrgraben, Stolperdrähten, Erdbunkern, Wachtürmen und Beobachtungsständen, Warnanlagen, scharfen Hunden an Laufdrähten, einem breiten, kahlen und beleuchteten Geländestreifen, und schließlich einem hohen Metallgitterzaun, an dem Selbstschußanlagen montiert sind.

Immer geringer wird die Zahl der Fluchtwilligen, denen es gelingt, diese absurden Anlagen zu überwinden. Auch den Bewachern glückt es kaum noch, da sie nur in Doppelstreife gehen dürfen, mit ständig wechselnden Partnern. Von rund 6000 DDR-Bürgern, die im letzten Jahr flüchteten, kamen höchstens fünf Prozent durch diese Grenze; etwa fünf Prozent wurden von Fluchthelfern über die Transitwege ausgeschmuggelt. Der große Rest der Flüchtlinge entkam über andere Ostblockländer oder verlegte das Ende einer Dienstfahrt in die Bundesrepublik.

Zum „Schutz des Sozialismus“

Dennoch war die DDR-Führung mit ihrem Grenzregime anscheinend immer noch nicht zufrieden. Der Kommandeur der Grenztruppen der DDR, Generalleutnant Erich Peter, erklärte Ende vergangenen Jahres, jedes Nachlassen in der Sicherung der Westgrenze wäre eine Ermunterung der Gegner der europäischen Sicherheit und Entspannung. Die Grenztruppen müßten „noch verantwortungsbewußter für den zuverlässigen Schutz des Sozialismus und seiner Grenzen sorgen“. Erst vor wenigen Wochen wurde bei einer Parteiaktivtagung der Grenztruppen beklagt, daß sich angeblich „die Versuche aggressiver Kräfte mehren, das System der Grenzsicherung unserer Republik zu verteufeln und uns zur Aufgabe der strikten Kontrolle über unser Hoheitsgebiet zu zwingen“.