Von Andreas Kohlschütter

Athen, im August

Gebannt starren Regierungen wie Generalstäbe in Athen und Ankara auf die von Touristenmillionen umlagerte blaue Ägäis. Auch in den westlichen Hauptstädten, in der Nato-Zentrale, in Washington, fixierten besorgte Blicke einen kleinen Punkt im ägäischen Meer: das türkische Tiefsee-Forschungsschiff Sismik-I; 1200 Bruttoregistertonnen, 45 Mann Besatzung; vor zwei Wochen von Istanbul in Richtung jener umstrittenen, erdölträchtigen Ägäis-Gewässer ausgelaufen, in denen Griechenland und die Türkei Fahnen hissen und Bohrtürme aufstellen möchten.

Drohend kündigte die griechische Regierung „schwere Konsequenzen“ für den Fall an, daß Sismik-I die Meeresboden-Hoheit Athens verletzen oder auch nur anfechten würde. Die Trommel wird gerührt. Reservisten wurden einberufen, Heer, Flotte und Luftwaffe in erhöhte Alarmbereitschaft versetzt; mit See- und Luftpatrouillen sowie dem eigenen Forschungsschiff Nautilus wurde die Verfolgungsjagd gegen den „frechen Eindringling aus dem Reich Attilas“ aufgenommen.

An der Gegenküste gab Ankaras Regierungschef Demirel zu Protokoll: „Wir lassen uns im ägäischen Meer nicht strangulieren.“ Er warnte vor griechischen „Piratenakten“, vor einer Blockierung oder gar Aufbringung der Sismik-I. Mit Seeräubern werde man „kurzen Prozeß“ machen. Das Schiff stehe jedenfalls unter dem wirkungsvollen Schutz der vereinten türkischen Streitkräfte.

In stiller Diplomatenarbeit bemühten sich Athen und Ankara gleichzeitig, das Risiko eines Krieges mit Kanonen zu verringern, ja es möglichst auszuschalten. Der Zauderkurs, den Sismik-I in den vergangenen Tagen und Wochen steuerte, deutete auf türkische Hemmungen und Zurückhaltung hin. Ebenso der bisherige Verzicht auf provokativen militärischen Begleitschutz und demonstrative Probebohrungen. Die von einigen Kabinettsmitgliedern aufgestellte These, die seismographische Aktivität der Sismik-I sei ein Beweis für das Bestehen türkischer Souveränitätsrechte, wurde von Demirel ausdrücklich zurückgenommen. Und die Griechen ließen wissen, daß sie gegen eine rein wissenschaftliche Erkundungsmission in der Ägäis nichts einzuwenden hätten. Hält sich Ankara an dieses Gentlemen’s Agreement, dann wird Athen trotz temperamentvollen Protesten die Dinge „in der derzeitigen Phase“ nicht viel weiter treiben als bis zu der Anrufung des Weltsicherheitsrates und des Haager Gerichtshofes. Beides ist in diesen Wochen geschehen.

Fest steht: Die zwei Regierungschefs Demirel und Karamanlis, die beiden ersten Männer im türkisch-griechischen Ägäis-Streit, sprechen preußisch und handeln levantinisch. Beiden kommen martialische Wortgefechte und nationalistische Temperaturanstiege gelegen. Demirel muß sich patriotisch profilieren gegenüber seinen chauvinistischen Koalitionspartnern und der Opposition des Zypern-Eroberers Ecevit. Karamanlis muß seiner durch die Militärdiktatur diskreditieren und pervertierten Armee neue Moral einhauchen und sich eine Linksopposition vom Leibe halten, die zum vaterländischen Amoklauf bläst. Demirel und Karamanlis spielen beide mit dem Feuer, ohne jedoch das politische Löschgerät aus den Händen zu geben.