Von E. Michael Salzer

Stockholm, im August

Dieser Tage landen wieder Hunderttausende braunschwarzer Passagiere auf den schwedischen Flugplätzen. Sie kommen aus Moskau, Warschau, Belgrad, Prag und Istanbul, werden von den Zöllnern mit besonderer Priorität abgefertigt und in bereitstehenden Autos im Eiltempo in die nächstliegenden Städte gebracht. Viele gleich in die elegantesten Restaurants, wo sie von den schwedischen Gästen mit Begeisterung begrüßt werden. Diese so zuvorkommend behandelten und in Schweden so freundlich aufgenommenen Passagiere aus dem Osten sind – Krebse.

Die schwedischen Seen und Flüsse können längst nicht mehr den wachsenden Bedarf an diesen Schalentieren decken. Sie müssen nun tonnenweise importiert werden, um das traditionell übliche Krebsessen, das jeweils den Höhepunkt des schwedischen Hochsommers markiert, nicht zu gefährden.

So steht Schweden in diesen Augustwochen wieder ganz im Zeichen des Krebses. Zünftige Astrologen mag diese dreiste Feststellung schockieren, wenngleich es sich lohnen könnte, aus diesem Horoskop den schwedischen Volkscharakter zu definieren. Was mögen das für Leute sein, die alle Meldungen über den jeweiligen Krebsbestand in einheimischen Seen, ebenso wie in Polen, Sowjetrußland, Jugoslawien, ja sogar in der fernen Türkei mit weit größerem Interesse verfolgen als die Börsenberichte. Denen die Tageszeitungen regelmäßig ausführlich über Erfolge und Mißerfolge der Krebszucht im Nahen Osten berichten, in fetten Schlagzeilen die tragischen Folgen der lokalen Krebspest in schwedischen Gewässern aufzeigen und alljährlich mit detaillierten Koch- und Servierrezepten aufwarten. Leute, die mit genießerischer Genugtuung illustrierte Reportagen mit der Überschrift „Türkische Krebse sind dick und fett und reichlich“ zur Kenntnis nehmen und – ungeachtet der Warnungen vor den hojien Preisen – schmunzelnd feststellen, daß damit ihre schönste Sommerfreude gesichert ist: die festliche „Kräftskiva“, der traditionelle Krebsschmaus im August.

Krebse ißt man überall in der Welt. Zu allen Jahreszeiten. Gekocht, gebacken, in Reisbranntwein gesotten, in stark gewürzten Suppen, Omeletts und Salaten, paniert oder in pikanten Saucen. Meist als geschätzte Vorspeise. Kaum irgendwo anders macht man jedoch so umständliche Vorbereitungen für ein Krebsessen wie in Schweden.

Wer im August in den Norden kommt, sollte sich eine solche „Kräftskiva“, vor allem auf dem Lande, nicht entgehen lassen. Unter sternklarem Sommerhimmel herrscht da die reinste Silvesterstimmung mit Feuerwerk, Leuchtraketen und Gesang. Bunte Lampions, flackernde Kerzen in alten Bootslaternen am Strande der Ostseeküste, auf den Veranden der vielen hunderttausend Sommerhäuschen auf den Schäreninseln und an den Ufern der unzähligen Seen, verkünden das große Volksfest des schwedischen Sommers. Die Tische sind mit frischen Wiesenblumen und mit knallroten, aus Papier geschnittenen Krebsen geschmückt, die Gäste binden sich Papierlätzchen oder Schürzen mit Krebsbildern um und setzen sich krebsgeschmückte Papierhüte auf den Kopf. Im milden Licht der hellen Mondnacht funkeln die Gläser auf den Krebstischtüchern, neben den Krebsservietten, Krebsgabeln und den natürlich entsprechend verzierten Papiertellern. Eine ganze Industrie wird für das Zubehör mobilisiert.