Von Hans Walter Berg

Eist ein Verdienst Gisela Bonns, daß sie die drei vor Jahrzehnten geschriebenen Veltheim-Werke („Tagebücher aus Indien“, „Der Atem Indiens“, „Götter und Menschen zwischen Indien und China“) in einem Buch

Hans-Hasso von Veltheim-Ostrau: „Der Geist Asiens“; Claassen Verlag, Düsseldorf 1976; 542 S., 38,– DM

– auf ihr immer noch gültige Substanz kondensiert hat. In ihrer ursprünglichen Form waren die Betrachtungen des Barons von Veltheim inhaltlich und formal sehr ungleichwertig, eine merkwürdige Mischung von naiver Reiseschriftstellerei und tiefgründigen philosophischen Reflexionen. Die Herausgeberin des Sammelbandes erspart dem Leser den unerträglichen, mit persönlichen Eitelkeiten gespickten Baedecker-Teil; von den herausgefilterten Beobachtungen und Gedanken Veltheims wird behauptet, sie seien „heute aktueller denn je“.

Sind Sie das wirklich? Zweifellos werden diejenigen, die sich – des „westlichen Materialismus und der Techno-Dämonie“ überdrüssig – auf der Suche nach neuen geistigen Werten ostwärts wenden, in Veltheim einen Wegweiser finden. Auch der sächsische Baron hat Asien mit der Seele gesucht; er hat dabei Indien als sein „vielgeliebtes Mutterland“ entdeckt und beschwört die Großartigkeit der geistigen Landschaft des ganzen östlichen Kontinents, dessen kultureller Reichtum viele geistige Bewegungen im Abendland befruchtet hat. Veltheim begegnet der östlichen Geisteswelt mit „ehrfürchtigem Staunen“, und das unterscheidet ihn vorteilhaft von den Beobachtern der asiatischen Szene, die mit arrogantem Zivilisationshochmut die wirtschaftliche Rückständigkeit des Kontinents als Beweis allgemeiner Primitivität und geistiger Unterentwicklung bewerten.

Auf der anderen Seite erliegt Veltheim-Ostrau oft den Gefahren romantischer Schwärmerei und der Versuchung schlimmer Verallgemeinerungen. So schreibt er: „Das geistige Wesen Asiens ist in Indien ebenso zu Hause wie in Afghanistan, in Indonesien oder in China und Japan.“ Aus dieser kühnen Vereinfachung wird auf eine geistige Verwandschaft und Solidarität aller asiatischen Völker geschlossen. In Wirklichkeit unterscheidet sich jedoch das geistige Wesen der Inder fundamental von dem Wesen der Chinesen (die einen lebten von jeher mehr jenseitsbezogen, die anderen immer ganz diesseitsorientiert). Auch zwischen dem islamischen Afghanistan und dem ebenfalls mohammedanischen Indonesien bestehen mehr Unterschiede als Berührungspunkte, und die Japaner haben sicher weniger mit den Indern gemein, als mit den Europäern.

Die im Vergleich zu Asien sehr viel stärkere geistige Einheit des christlichen Abendlandes, die Wurzeln und die auch heute noch lebendigen Kräfte seiner Kultur, werden von Veltheim und seinen weisen orientalischen Gsprächspartnern ignoriert. Europa und die Vereinigten Staaten sind immer „nur Kopf und Wissen“, ihr Intellektualismus ist nur die Kehrseite des Seelenverfalls der weißen Rasse. Der Autor zitiert indische Heilige, die dem Westen eine „Prostitution der menschlichen Denkkräfte“ vorwerfen, die „materialistische Wissenschaften als Mysterienverrat“ verurteilen und behaupten, die indische Dominante bleibe die Spiritualität.