Die Universität sollte auch heute noch in erster Linie eine möglichst breit gefächerte theoretische Bildung vermitteln; Würde sie sich auf die bloße Vermittlung berufsspezifischer Fähigkeiten und Kenntnisse beschränken, wäre ein Absinken ihres wissenschaftlichen Niveaus die sichere Folge. In unserem Zeitalter überschäumend schneller Veränderung würde man die Studenten für eine Praxis schulen, die sich nach Beendigung des Studiums vielleicht völlig gewandelt haben könnte. Überhaupt wäre es traurig, wenn man auf der Universität nur mehr das lernen dürfte, was man später mit Sicherheit in einem – arbeitsteilig beschränkten – Beruf in Geld umsetzen kann. Darin könnten ja gleich die Wirtschaftsbosse die Studienpläne diktieren, denn die wissen ja angeblich am besten, welche Anforderungen die Praxis an Universitätsabsolventen stellt. Ich glaube, gerade heute brauchen wir Leute, die die Universität umfassend gebildet verlassen und in unserer zunehmend mobiler werdenden Gesellschaft nach einer kurzen spezifischen Ausbildung vielerlei Positionen einnehmen können. Fachidioten laufen schon zu viele herum.

Erhard Bost, 20 Jahre

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Als Student der Volkswirtschaft versuche ich in den Semesterferien, das an der Universität erlernte Wissen in einer Bank zu praktizieren. Doch schon zweimal erlebte ich eine herbe Enttäuschung, denn der oft so praxisnah proklamierte Lernstoff war kaum zu verwenden. Erst nach vierwöchiger Arbeit ließen sich Zusammenhänge mit den Vorlesungsthemen erkennen. Es bleibt eben nur die Hoffnung, daß im höheren Studienabschnitt die Praxisnähe mehr berücksichtigt wird als die nirgendwo anzuwendenden Theatermodelle. Ernst Becker, 20 Jahre

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Es wäre falsch, die Universität allgemein als zuwenig praxisorientiert zu bezeichnen. Dadurch, daß der Ablauf eines jeden Studienfaches verschieden von dem anderen ist, ergibt sich ein sehr differenziertes Bild. Zum Teil nimmt die Praxis einen enorm großen Zeitraum ein, beispielsweise in der einphasigen Juristenausbildung. Studenten anderer Fächer kommen dagegen erst nach Abschluß des Studiums mit der Praxis in Berührung. Ich bin der Meinung, daß für die Zulassung an einer Universität jeder Student, egal welcher Fachrichtung, ein Praktikum von mehreren Monaten ableisten müßte. Während dieses Praktikums würde das Interesse an der Materie geweckt oder falls nicht, wäre es für den zukünftigen Studenten noch nicht zu spät, die Studienrichtung zu ändern. Neben der Praxisorientierung käme also noch als positive Folge dazu, daß die Zahlen der Studienabbrecher zurückgingen.

Michael Speer, 19 Jahre