Von Hans c. Blumenberg

Fritz Langs Filme heute, das sind nicht nur in einem Zeitraum von fast fünfundvierzig Jahren entstandene, vierunddreißig einzelne Filme. Sie sind ein Stück Filmgeschichte mit einer Rezeptionsgeschichte, die im Unterschied zu anderen Ländern jedoch an Deutschland fast spurlos vorbeigegangen ist... Wir haben vieles nachzuholen, was in anderen Ländern schon zu festen Sehkategorien der Cinephilen gehört. Möglicherweise sind auch die zu ändern, und danach ergäbe sich ein anderes Bild von Fritz Lang. Daß die Gewichte sich verschöben bei der Beurteilung seiner ,großen‘ und seiner ‚kleinen‘ Filme.“

Diese Sätze, geschrieben von Frieda Grafe, stehen in dem ersten Buch, das über Fritz Lang in deutscher Sprache erschienen ist (Hanser, Reihe Film 7), im Frühjahr 1976, und nicht, wie es wohl hätte sein müssen, vor zehn oder zwanzig Jahren, als man bei uns gemeinhin Fritz Lang noch für einen verdienten Stummfilm-Regisseur hielt, der irgendwie in Hollywood verschüttgegangen war. Wie wenig sich eigentlich seit jenen Jahren des nachsichtigen Mitleids für einen scheinbar ausgebrannten Cineasten hierzulande in der Rezeption der Filme von Fritz Lang geändert hat, bewiesen am Mittwoch letzter Woche die Nachrufe in den meisten deutschen Zeitungen. Der da im Alter von 85 Jahren in Beverly Hills gestorben war, erschien als „eines der großen Fabelwesen aus vergangenen Filmtagen“ („Kölnische Rundschau“), als sagenhafter Dinosaurier der alten Berliner Ufa, als Meister monumentaler Ausstattungskunst (immer wieder „Die Nibelungen“ und „Metropolis“), dessen spätere Filme kaum noch einer Erwähnung wert befunden werden.

Da helfen dann nur noch Verlegenheitsfloskeln, um jenes Unverständnis zu überbrücken, dem Fritz Langs amerikanische Periode bei uns ausgesetzt bleibt. „Langs großes Talent hat sich auch in seinen amerikanischen Werken erwiesen“, erkennt Wilfried Wiegand in der „FAZ“, aber von Hollywood, wo Lang zwischen 1935 und 1956 immerhin 22 Filme, mehr als die Hälfte des gesamten Œuvres, gedreht hat, handelt nur ein einziger Absatz des langen Nachrufs. Noch erheblich einfacher macht es sich Friedrich Luft in der „Welt“, der angesichts der amerikanischen Filme des „genialen Bildwerfers“ Lang gönnerhaft-herablassend attestiert: „Er wollte sein neues Publikum redlich bedienen. Er hat es getan.“

Schnell noch weiter mit der Komödie der Irrungen und Wirrungen, die der Tod von Fritz Lang im heimischen Blätterwald ausgelöst hat. Als Champion erweist sich Gottfried Knapp in der „Süddeutschen Zeitung“. Man wird ihm verzeihen müssen, daß er Langs Western für seine einzigen Farbfilme hält, mithin nie etwas von „American Guerilla in the Philippines“ (1950), „Moonfleet“ (1954) und den späten deutschen Indien-Filmen gehört hat, aber Pardon wird nicht gegeben angesichts eines Satzes wie: „Dabei waren die Produktionsbedingungen, mit denen er in Amerika zu kämpfen hatte, meist erbärmlich; oft genug sind die licht- und tontechnischen Begleitsensationen seiner amerikanischen Filme einem engen, sparsamen Studio. ... abgetrotzt.“

Hollywood – ein mieses Armenhaus, dem der geniale Bildwerfer aus Deutschland, heroisch wie Siegfried weiland in den „Nibelungen“, dennoch unterlag? In seinem Interview-Buch „Fritz Lang in America“ (1967) fragt Peter Bogdanovich den Regisseur: „Fanden Sie die Arbeitsbedingungen und technischen Möglichkeiten besser oder schlechter als in Deutschland?“ Fritz Lang antwortet: „Die technische Seite war unbeschreiblich viel besser!“ und erzählt dann genüßlich, wie sie es, in Deutschland nicht einmal geschafft hatten, ihm für „M“ einen vernünftigen Mikrophongalgen zu bauen.

Wer war Fritz Lang? Es kann nicht darum gehen, den deutschen Lang, den der „Spinnen“, der „Nibelungen“ und der Mabuses, gegen den amerikanischen Lang, zumal den der vierziger und fünfziger Jahre, auszuspielen. Da gibt es keine Gegensätze, sondern nur Entwicklungen, in einem Verhältnis wie zwischen den englischen und den amerikanischen Filmen von Alfred Hitchcock So wie der Cineast von „Vertigo“ und „The Birds‘ reifer, reicher und vielschichtiger ist als der von „Young and Innocent“ und „The Lady Vanishes“, so blieb auch Lang nicht bei dem ornamentalen Prunk von „Der müde Tod“ und „Metropolis“ stehen, sondern gestaltete sein Kino der Angst, der Gitter, der schwindelerregenden Irritationen von Film zu Film subtiler und perfekter, Was anfangs noch von einem abendländischen Kunstwillen überkrustet war, entwickelte sich in Hollywood und durch Hollywood zu einem eisigen Funktionalismus, in dem kein Bild überflüssig, keine Kamerabewegung bloßer Schnörkel war. Wenn Hollywood für seine Regisseure das massivste und damit beste Zucht-Haus der Welt war, dann deshalb, weil das klassische Studiosystem seine Angestellten zur äußersten Konzentration trieb. Und wenn Jacques Rivette, dessen Film „Paris gehört uns“ gänzlich geprägt ist von den paranoiden Fluchtbewegungen der Langschen Vorstellungswelt, Langs „höchste, anspruchsvollste Konzeption einer mise er scéne“ preist, dann meint er mehr „Ministry of Fear“ (1944), „The Woman in the Window“ (1944), ,,While the City Sleeps“ (1955) und „Beyond a Reasonable Doubt“ (1956) als „Metropolis“ oder „Die Frau im Mond“.

Vorurteile sterben langsamer als Menschen. Trotz Retrospektiven in Bad Ems (1964) und München (1975), trotz der Anstrengungen einiger Fernsehredaktionen bleibt Fritz Lang in Deutschland immer nach zu entdecken. Der deutsche Lang ist nur der halbe Lang, und der fraglos besseren, weil reiferen Hälfte seines Werks gebührt mehr Raum, als ein gewisser dumpfer Kulturchauvinismus ihr zu geben bereit ist. Fordern wir also, mit Frieda Grafe, für Fritz Lang: „Einen Platz, kein Denkmal.“