Sie haben in Ihrem Buch mit Vehemenz die Partei derer ergriffen, die Sie Suizidäre nennen. Nach der Lektüre dieses Plädoyers für das Recht auf Freitod habe ich mich ganz unwillkürlich, naiv und brutal gefragt: Warum hat der Autor sich nicht umgebracht, sondern einen Diskurs darüber geschrieben?

JEAN AMÉRY: Genau dasselbe hat mich kürzlich ein Student gefragt: „Warum haben Sie sich eigentlich nicht umgebracht?“ Nur Geduld, habe ich ihm gesagt.

Zum Freitod assoziiert man im allgemeinen Lebensstimmungen wie Resignation oder Verzweiflung. In Ihrem Buch herrscht jedoch geradezu Aufbruchstimmung und ein radikaler Geist von Aufklärung. Sie schreiben vom Freitod wie vom Ausgang der Subjekte aus der Unmündigkeit. Wie ist diese Haltung entstanden?

JEAN AMÉRY: Die Idee des Freitods war mir von Kindheit auf geläufig. Sie hat mich begleitet und mich immer wieder angezogen. Früher überwog dabei sicher der Wunsch zu fliehen, nicht einmal aus einer ausweglosen Situation oder aus der einem Knaben ausweglos scheinenden Situation. Es war einfach ein Wunsch davonzulaufen. Davonzulaufen, um fern zu sein von all dem, was man kennt. Später, als junger Mann, wenn ich an den Freitod dachte – und ich dachte natürlich keineswegs unausgesetzt daran –, später überwog dann schon die Vorstellung der Freiheit, des freien Aktes, der äußersten möglichen Bekräftigung meiner Freiheit durch den Freitod.

Hat sich Ihnen dieses Bedürfnis, die Freiheit der eigenen Person zu bekräftigen, in konkreten Zwangssituationen mitgeteilt?

JEAN AMÉRY: Nein, das kam oft jenseits jeglicher Zwangssituationen. Manchmal war es ein Ekel vor den Leuten in der Straßenbahn, vor zu vielen Menschen, die zu nahe um mich herum waren. Ekel vor zu vielen Gesichtern, die ich nicht mochte, vor Häusern, die ich scheußlich fand, vor Straßen, die kein Ende nahmen. Da kam dann der Gedanke: Das geht so nicht. Aber natürlich dachte ich auch in Zwangssituationen an den Freitod. Zum Beispiel war ich während der Widerstandsbewegung entschlossen, daß ich, hätte ich eine Waffe gehabt, den ersten besten Gestapo-Mann erschieße und dann mich. Das war ein ganz fester Entschluß. Ich kam nur nie in den Besitz einer Waffe, weil ich einer Widerstandsgruppe angehört habe, die politisch gearbeitet hat, das heißt, die nicht bewaffnet war. In der Einzelhaft und nach der ersten Folter habe ich meinen ersten Suizidversuch begangen. Nicht aus Angst, sondern weil ich die konkrete Befürchtung hegte, ich würde unter der Tortur Adressen preisgeben, auch die Adresse meiner damaligen Frau, die Jüdin war. Später im KZ habe ich die Zwangssituation, die man als solche hätte empfinden können, als Herausforderung empfunden, durchzuhalten: Ihr sollt mich nicht haben. Mein Tod soll meine Sache sein. Von euch lasse ich mich nicht kleinkriegen.

Sie beschreiben den Freitod als die in letzter Konsequenz einzig wirksame Möglichkeit der Individuen, Widerstand gegen eine Gesellschaft zu leisten, in der sie außer als Arbeitskräfte und als Verbraucher nichts gelten. Heißt das, daß Sie so praktische Formen des Widerstandes wie etwa Streiks für letztlich sinnlos halten?