Von Rolf Michaelis

Wie sprechen von einem Dichter, der von der Sprache als der „Blume des Mundes“ spricht? Etwa so: „Er liest viel Klopstock, mit Karl, den er häufig zu sich aufs Zimmer ruft; für ihn rezitiert er Klopstock, philosophiert über die Unsterblichkeit, den Ruhm. – Des isch wie e Sucht, verstehst? – Der Junge nickt. – Des kannsch net verstehe, des woiß bloß oiner, der schreibt“?

Wie reden von einem Dichter, der sich und seinesgleichen so versteht: „Heilige Gefäße sind die Dichter“? Vielleicht so: „Hölderlin spricht mit Scheffauer über Gedichte, die er zu schreiben vorhabe, die mit der üblichen Poesie nicht zu vergleichen seien. So wie der Geist sich entwickelt und seine Erfahrung macht, werden meine Gedichte sein, werter Freund, sie sollen nicht mehr nach Vollendung streben, sondern den Lauf der Geschichte in sich aufnehmen und wiederholen, ihn sichtbar machen als einen herrlichen Entwurf, den keiner vollenden kann“?

Wie (sechshundert Seiten) schreiben über einen Poeten, der seinem berühmteren schwäbischen Landsmann Schiller gesteht: „Ich bin scrupulös über jedes Wort“? So: „Dennoch träumte er von ihr (= Elise Lebret). Es waren Träume, die er sich verbot. Er hielt sie in den Armen. Manchmal war sie nackt, preßte ihren großen kräftigen Körper gegen ihn. Oft schreckte er aus diesen Träumen hoch, lauschte auf den Atem der Freunde und befriedigte sich selbst“?

Dies sind Zitate aus dem neuen Buch von – Peter Härtling: „Hölderlin – Ein Roman“; Luchterhand Verlag, Darmstadt, 1976; 604 S., 32,– DM.

Das Buch ist – vom Autor gewollt – ein Zwitter: Roman und Biographie, Erzählung und Bericht, Geschichte eines Dichterlebens vor zweihundert Jahren in fabulierender Prosa und ständige Brechung im Rückgriff auf geschichtliche Dokumente, poetische Zitate, archivalische Protokolle in autobiographisch getönter, reflektierender Sprache. Kein historischer Roman, aber auch keine Tages- und Jahreshefte über die Beschäftigung des in Nürtingen aufgewachsenen Härtling mit Gestalt und Werk des in Nürtingen aufgewachsenen Hölderlin.

Könnte Härtlings Roman-Biographie in dieser neuen, offenen Form nicht Wesen und Werk der Titelgestalt entsprechen? Läßt Härtling seinen Hölderlin nicht immer wieder seine Kunstanschauung erklären: „Es kann sein, daß das Endgültige, Vollkommene, Geformte nicht mehr wichtig sein wird ... Daß der Entwurf wichtiger sein wird als das Resultat“?